Samstag, 18. April 2015

Ein Beitrag für den JuZet-Blog mit herzlichen Grüßen von Artur Ziegenhagen

Eine Revival-Party der JuZetler aus der Schulstraße nach 40 Jahren: Eine wunderbare Idee. Ich habe alle Beiträge dazu im Internet gelesen, die Fotos angeschaut und gemeint, den einen oder anderen JuZetler zu erkennen. Es war spannend. Ich bin in Gedanken wieder durch die Räume gegangen, habe mir die „Dunstwolken“ vorgestellt, den Teegeruch – vor allem aber das Zusammensein, die Diskussionen. Viel hat uns damals beschäftigt. Wir waren jung, ein Aufbruch, mit dem junge Leute damals auch Distanz zur Generation der 50er und 60er Jahre zeigen wollten. Man wollte nicht mehr nur den Pädagogen folgen, sondern beteiligt sein, das Leben selbst bestimmen, irgendwie anders leben…….

Und wie mögen die Wege der einzelnen in den vergangenen 40 Jahren ausgesehen haben? Nur einige konnte ich persönlich mitverfolgen.

Auch die Dokumente zur Geschichte des Jugendzentrums in der Schulstraße habe ich aufmerksam gelesen und mir wurde wieder sehr deutlich, was die Initiatoren um Werner Kolb da alles auf sich genommen haben. Ein „Offenes Jugendzentrum Bayreuth“ sollte es werden und selbstverwaltet – es war ein weiter Weg bis zur Eröffnung im Haus in der Schulstraße. Dieses Haus wurde ja in den 20er Jahren der Stadt Bayreuth geschenkt, zweckgebunden „Wärmestube für arme Leute“ zu sein. Nun - in den 70er Jahren - gestalteten junge Leute in dem Haus ihre eigenen Gemeinschaftsräume, in denen sie sich wohlfühlen konnten (gewissermaßen „Wärmestube“ ganz anderer Art).

Der neue Gedanke der Selbstverwaltung junger Menschen war damals überall zu spüren. Ich begleitete als Jugendbildungsreferent der EIBA (Evangelische Industriejugend- und Berufsschülerarbeit) solche Bewegungen nicht nur in Bayreuth, sondern auch in Hof/Saale, Bamberg, Coburg, Kronach, Wunsiedel, Selb, Marktredwitz, Forchheim, Neustadt, Pegnitz sowie Weiden/Oberpfalz. Mit den Autoritäten dieser Städte hatte ich manches lebhafte Gespräch, auch Streitgespräch. Sie konnten sich nur selten von den Erfahrungen aus ihrem eigenen Erwachsenenwerden lösen. Zu tief waren auch Ängste vor Drogen, ausschweifenden Festen und nicht zuletzt auch vor dem politischen Engagement der nun jungen Generation. So meinte OB Wild einmal, dass doch die Sportvereine dazu da wären, dass die junge Generation sich entfalten könne. Dies habe er doch selbst erfahren. Es bedurfte viel Zeit – und auch persönliches Vertrauen seinerseits – bis er akzeptierte, dass die jungen Leute der 70er Jahre ein anderes Lebensgefühl haben, als es noch in seiner Jugendzeit und auch noch in den 50er Jahren gegeben war. Ganz verstehen konnte er es wohl nie. So war es notwendig, immer wieder auch aus Anlass einzelner Veranstaltungen um Vertrauen zu werben für die jungen Leute mit ihrem Engagement im Jugendzentrum.

Während die Mehrheit der SPD-Stadträte das JuZet Schulstraße nachsichtig duldeten – schließlich waren die Jusos die Initiatoren des offenen und selbstverwalteten Jugendzentrums -, sahen die CSU-Stadträte dort eher eine gefährliche linke „Kaderschmiede“. Ein Grund für diese Verdächtigungen war wohl auch die Mitarbeit einiger Mitglieder der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend. Ja, die arbeiteten recht erfreulich beim Jugendrat des JuZet mit. Allerdings war meines Wissens keiner von ihnen „Arbeiter“. Dazu fällt mir eine kleine Episode ein: Jungarbeiter wohnten im Stadtteil Herzogmühle in Bayreuth. Ich hatte guten Kontakt zu diesen – von manchen auch als schwierig bezeichneten – Jugendlichen. Eines Abends wurde ich vom JuZet aus angerufen mit der Bitte, schnell zu kommen, weil „die Herzogmühler unsere Räume in der Schulstraße besetzt haben und alles blockieren“. Diese waren natürlich der Meinung, dass ein Offenes Jugendzentrum für alle offen sein müsste, nicht nur – wie sie meinten – für „höhere Schüler“. Nun, ein Kompromiss wurde gefunden: Jeden Donnerstagabend war der Gruppenraum für die Herzogmühler reserviert, die dann dort das Sagen hatten. Ich glaube, sehr lange hielt das Interesse daran aber nicht vor.

Interessant waren auch die Treffen von Mitarbeitern aller Jugendzentren aus Oberfranken im evangelischen „Haus der Einkehr“ in Himmelkron. Einmal arbeiteten wir an „land art“ und färbten eine Wiese gelb und Bäume rot. Ein anderes Mal wurde der Seminarraum mit Querfäden versponnen, unter denen man sich durchbewegte, ohne sie zu berühren. Das Wesentliche bei solchen Treffen aber war: Man lernte sich kennen und tauschte Erfahrungen aus.

Für mich persönlich waren damals die Ost-West-Begegnungen besonders wichtig, Menschen von „drüben“ kennen zu lernen und von ihrem Leben zu erfahren. Auch die JuZetler wurden zu Gruppenfahrten nach Berlin eingeladen. Dabei wohnten wir in Westberlin und tagsüber besuchten wir Pfarrer Schremm in der Eliasgemeinde in Ostberlin. Dieser zeigte uns unter anderem auch auf, welche Möglichkeiten Christen in der DDR hatten, als solche in ihren Gemeinden zu leben. Die Begegnungen waren immer aufregend und spannend.

Wenn heute – auch anhand dessen, was ich im Blog so alles wieder fand – meine Gedanken in die 70er Jahre zurückgehen, so bin ich noch immer froh darüber, dass ich völlig frei die jungen Leute in den Jugendzentren begleiten und beraten konnte. Das war einer Reihe von Persönlichkeiten in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern zu verdanken, die mir dafür freie Hand ließen und dafür sorgten, dass ich bezahlt wurde und dass die Wochenendtreffen und Fahrten bezuschusst wurden.

Doch nun zurück zum Anlass dieses Beitrags, der Revival-Party am 02. Mai 2015 in Bayreuth:
Leider kann ich nicht mit dabei sein. Ich bin zurzeit auf sog. Gehhilfen angewiesen und warte (nach mehreren Stürzen ohne Brüche) auf eine ambulante Reha. Bei uns Älteren dauert alles etwas länger, bis etwas wieder ins Lot kommt. Immerhin werde ich Mitte Mai dieses Jahres 82 Jahre alt. Ich wundere mich manchmal selbst darüber. Ich wünsche allen, die sich in Bayreuth einfinden, eine wunderbare Party, viel Freude beim „sich wieder erkennen“, an toller Musik, guten Gesprächen und vielleicht ja auch an neu geknüpften oder wiederbelebten Kontakten. Ich werde sehr an euch denken und grüße euch herzlich.
Artur Ziegenhagen

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Lieber Artur, dein Text ist sehr berührend. Danke! Wir werden dich bei der Party vermissen und an dich denken. Alles Gute und eine schnelle Genesung!
Christian

>>> siehe auch Blogartikel "Artur Ziegenhagen und die EIBA"


Nachtrag 30.4.2015:
Die germanistisch-wissenschaftliche Abteilung des Blogs weist auf den grammatikalisch interessanten Satz "Es bedurfte viel Zeit – und auch persönliches Vertrauen seinerseits – bis er akzeptierte,..." in diesem Beitrag hin:

Das Verb bedürfen bedarf im Normalfall eines Genitivobjekts, das Objekt darf aber auch im Akkusativ stehen, wenn es keinen Artikel bei sich hat. Besonders bei (artikellosen) Substantivgruppen mit attributivem viel ist der Akkusativ erlaubt. 

Da der Autor beim ersten Substantiv den Akkusativ wählt, ist es nur konsequent, dass auch das nebengeordnete zweite Substantiv im Akkusativ steht - allein schon deshalb, weil viel auch auf das zweite Substantiv zu beziehen ist (das quantifizierende Adjektiv kann in der nebengeordneten Konstruktion beim zweiten Substantiv elliptisch weggelassen werden).

Es gibt in diesem Fall also zwei Möglichkeiten:

a) es bedurfte vieler Zeit - und auch persönlichen Vertrauens seinerseits ...
b) es bedurfte viel Zeit - und auch persönliches Vertrauen seinerseits ...


Die erste Möglichkeit ist im heutigen Standarddeutsch wohl geläufiger.

Freitag, 17. April 2015

Was war eigentlich sonst noch los? (Gastbeitrag von Stefan)

in den Jugendzentrumszeiten 1974 - 1982 fand nicht nur Jugendzentrum statt:

Was war eigentlich sonst noch los?

1974

Zu Beginn des Jahres, in dem das Offene Jugendzentrum Bayreuth das Licht der Welt erblickte, war Willy Brandt noch Bundeskanzler. Am 14. Mai übernahm dann Helmut Schmidt den Job. Erst einige Jahrzehnte später sollte dieser seine wahre Bestimmung finden, die des talkshow-zertifizierten Welterklärers und (aus Sicht der Raucher) real existierenden Hauptarguments für die segensreichen Wirkungen des Tabakkonsums („Der ist über 90 und qualmt immer noch wie ein Schlot!“). Beide Sozialdemokraten, Brandt wie Schmidt, führten jeweils eine SPD/FDP-Koalition in Bonn an. Für die Jüngeren: Bonn war die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, die FDP war eine kleine, aber wichtige Partei mit Zünglein-an-der-Waage- und Königsmacherfunktion. Niemand hätte damals geahnt, dass es der FDP wie der DDR gehen würde. Deren Verschwinden wiederum hatte erst recht keiner auf dem Schirm.

Nicht nur Deutschland war geteilt, nun erfuhr auch die Insel Zypern nach dem Einmarsch türkischer Truppen 1974 dieses Schicksal.

Griechenland erhielt im April von der Bundesrepublik 47 Millionen D-Mark als Entschädigung für die im 1. Weltkrieg versenkten Schiffe.

Der Soundtrack dieses Jahres wurde angeführt von George McCrea mit „Rock Your Baby“(*) (Nummer 1 der westdeutschen Single-Charts 1974), gefolgt von „Sugar Baby Love“ der Rubettes und Terry Jacks´ „Season In The Sun“. Ansonsten tummelten sich Vicky Leandros, Abba, Sweet♫ und die Les Humphries Singers♫ in den Hitparaden. Und Heino. Raucht der eigentlich? (**)

Am 27. April startete im Fernsehen Rudi Carrells Show „Am laufenden Band“.

Emerson Fittipaldi wurde 1974 mit McLaren-Ford Formel-1-Weltmeister und Franz Beckenbauer (raucht der eigentlich? ***) mit der DFB-Elf Fußballweltmeister im eigenen Land, musste sich jedoch im Laufe der Turniervorrunde einmal der DDR-Mannschaft geschlagen geben.

Ich wurde 12, was aber niemand als Sensation empfand.

Ich kam langsam in ein Alter, in dem mein Interesse an Terence-Hill-und-Bud-Spencer-Filmen allmählich nachließ.

In einem britischen Krankenhaus wurde erstmals ein Ultraschallgerät zur Diagnostik eingesetzt.

Das Überschall-Verkehrsflugzeug Concorde befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Entwicklungs- und Testphase, 1976 begann dann der kommerzielle Linienflugbetrieb  -  und endete 2003 nach der verheerenden Concorde-Explosion kurz nach dem Start. Auch dieses Jahr 1974 endete mit einer Flugzeugkatastrophe: Eine Boeing 727 stürzte bei Washington D.C. ab, alle 92 Insassen starben.

Positives und Neues aus dem Bereich moderner Technik kam 1974 von Hewlett-Packard in Form des HP 65 (des ersten programmierbaren Taschenrechners) auf den Markt.

1982

Zu Beginn des letzten Jahres des Jugendzentrums war Helmut Schmidt Bundeskanzler. Am 1. Oktober übernahm dann Helmut Kohl den Job. Aus der SPD/FDP- wurde eine CDU/CSU/FDP-Koalition. Die FDP (siehe Kapitel 1974) hatte an diesem Machtwechsel kräftig mitgestrickt. Im Folgejahr 1983 gelang es den Grünen erstmals in den Bundestag einzuziehen.

Deutschland und Zypern waren weiterhin geteilt.

Die Musik dieses Jahres kam von Orchestreal Manoeuvres In The Dark, ihr Song „Maid of Orleans“ hatte 1982 Platz 1 der bundesdeutschen Single-Charts inne, gefolgt von FR Davids „Words und „Adios Amor“ (Andy Borg). Auch „Skandal im Sperrbezirk“ (Spider Murphy Gang) und „Ein bißchen Frieden“ (Nicole, damit Gewinnerin des Grand Prix Eurovision 1982) tummelten sich in den Top Ten. (Die an akustische Körper- und Geistverletzung grenzende Scheußlichkeit der meisten Hitparaden-Musiktitel hatte somit das unterirdische Niveau von 1974 über die Jahre hinweg locker gehalten.)

Ich tummelte mich 1982 immer seltener im Jugendzentrum, absolvierte erfolgreich meine Abiturprüfungen und begann danach meine 16-monatige Zeit als Zivildienstleistender in der Werkstatt für Behinderte Bayreuth, die in der Nähe der Bundeswehrkaserne lag. Der Gedanke, nicht nebenan kaserniert & uniformiert zu sein und marschieren zu müssen, gefiel mir.

Der Satz „Nach Hause telefonieren“ wurde in diesem Jahr durch Spielbergs Film „E.T.“ Teil des Alltagswortschatzes, wobei mit Telefonieren hierzulande das Drehen einer Wählscheibe an einem grünen oder orangen Apparillo assoziiert wurde, der zumeist zentral im Flur stand, damit jeder im Haus bzw. in der Wohnung mithören konnte. (Als ich mir 15 Jahre später, also 1997, mein erstes Handy kaufte und kurz danach das erste Mal im öffentlichen Stadtbus telefonierte, kam mir retrospektiv das Im-Flur-Telefonieren von damals wie eine Datenschutzidylle vor.)

Handys, geschweige denn Smartphones waren noch nicht erfunden, das erste iPhone kam 2007 auf den Markt (mein persönliches Erlebnis hierzu ist auf Spiegel Online zu lesen: http://www.spiegel.de/einestages/handy-hype-a-950090.html ).

Computer für Zuhause zuhause (******) gab es schon länger (den Commodore C 64 etwa)(****). Auf die ersten Rechner der Art, wie wir sie heute kennen, also mit Maus-Bedienung, Drag & Drop, Fenstern zum Anklicken etc., musste man 1982 noch ein wenig warten. Ein solcher kam erst im Januar 1984 in Gestalt des Apple Macintosh in die Läden.

Ich kannte 1982 niemanden, der einen Computer hatte. Meine Abitur-Facharbeit hatte ich handschriftlich verfasst, um sie dann mit einer mechanischen Schreibmaschine(*****) mühevoll ins Reine zu tippen (um genauer zu sein: tippen zu lassen, mein Ein- bis Zwei-Finger-Tippsystem war nicht gerade der Hit).

Erstaunlich eigentlich, dass sich in dieser (aus heutiger Sicht) technisch primitiven Zeit der 1960er, 1970er, Früh-1980er eine Bewegung bilden konnte (Hippies, Grüne u.ä.), die einer als über-(!)-technisiert empfundenen, kalten Welt eine Zurück-zur-Natur-Haltung entgegensetzte.
Wie wohl in drei, vier Jahrzehnten die Menschen über das Jahr 2015 urteilen und richten werden?

Und jetzt noch meine Play-Empfehlungen an die beiden DJs am 2. Mai 2015, dem Jugendzentrums-Revival-Party-Abend (die verkaufszahlenbasierten bundesdeutschen Number-One-Hits 1974 bis 1982):

1974: „Rock Your Baby“ George McCrae
1975: „Paloma Blanca“ George Baker Selection
1976: „Daddy Cool“ Boney M.
1977: „Yes Sir I Can Boogie“ Baccara
1978: „Rivers Of Babylon“ Boney M.
1979: „So bist du“ Peter Maffay (spätere Aufnahme)
1980: „Sun Of Jamaica“ Goombay Dance Band
1981: „Dance Little Bird“ Electronicas
1982: „Maid Of Orleans“ Orchestreal Manoeuvres In The Dark (OMD)

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vgl. hierzu auch:
>>> Hitliste des Grauens - die Nummer-1-Hits der Deutsche Charts 74-82

(*) hier stand in der Erstversion von Stefan "Rock Me Baby" - eine schöne Freud'sche Fehlleistung
(**) Heino erklärt, warum Rauchen nicht schädlich ist
(***) Die Welt zu Gast bei Rauchern - www.nichtraucherschutz.de
(****) Browser-basierte C64-Emulation (erfordert ggf. Anpassung einiger Sicherheitseinstellungen)
(*****) Robotron-Schreibmaschinen Werbung aus den 70ern
(******) Die germanistisch-wissenschaftliche Beratungsabteilung des Blogs weist mit Recht darauf hin, dass es entweder Computer für zuhause oder Computer für zu Hause lauten muss (vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/zu_Hause), da es sich hier bei zuhause/zu Hause ja um ein Adverb handelt. Aber auch das Substantiv Zuhause wäre möglich: Computer für das Zuhause.

und siehe auch:

>>> Die ungleichen Kanzler (Brandt/Schmidt) Deutsche Welle (hier gibt Schmidt offenbar gerade seine "Tüte" an Brandt weiter)



Stefan:
Wieder mal eine umfangreiche (informative, spannende, lustige) Verlinkung mit You Tube und anderen Internet-Quellen, dafür Dank, Christian, und auch für die Ergänzungen am Textende, die das Ganze gewissermaßen zur einer Extended Version machen.

Christian:
;-)

Ása:
Liebe freunde auf damals, danke fūr die information von damals:). Und die bilder geschicte( faces) ich mōchte einfact sagen....ich freude mich unheimlich euch allem wieder zu treffen .....bis gleich:)

Donnerstag, 16. April 2015

Endspurt, Zieleinlauf, Finale, ....

Ganz wichtig - bitte unbedingt lesen! Von oben bis unten!

Nur noch 2 Wochen, dann findet die Party tatsächlich statt. Wer hätte gedacht, was sich aus dem am 1.Oktober 2014 gestarteten Blog entwickeln würde, und dass die Party überhaupt tatsächlich stattfinden würde?

Der Blog ist ein "Crowdsourcing"-Projekt geworden, das doch ganz gut funktioniert und vorzeigbare Resultate erbracht hat:
  • bisher insgesamt 60 Blogbeiträge (einschl. dieses Beitrags)
    • 20 organisatorische Beiträge (Blog, Party, ... )
    • 40 Beiträge zum Zeitgeist und rund um das JuZet und mit viel Musik
      • davon 14 Gastbeiträge - SUPER!!! weitere sind bereits angekündigt ;-)
      • in eigener Sache:
        ich wurde darauf angesprochen, dass der Blog zu männerlastig geworden sei. Tatsächlich liegen bisher nur wenige weibliche Gastbeiträge vor. Liebe Juzetlerinnen: noch sind 2 Wochen Zeit, um etwas Gleichwicht herzustellen. Themen gibt's doch genug, auf geht's ....
    • alle Blogartikel und Blogseiten sind mittlerweile auch als eBooks verfügbar (siehe rechte Spalte "eBooks Downloads"), insgesamt über 400 Seiten!
  • umfangreiche Sonderseiten
    • Geschichte des Juzet mit über 200 Dokumenten und Bildern (auch als eBook), zusammengetragen aus 8 verschiedenen Quellen
    • Musik/Filme - vor allem die Filmsammlung lässt das 70er Feeling wieder aufkommen: 40 Filme, die alle garantiert im Juzet-Kino gelaufen sind
    • Interessante Links - über 100 Links zum Stöbern und Zeitreisen rund um die Juzet-Zeit
    • WIR - vollständiges digitales Archiv
    • Tappert - vollständiges digitales Archiv mit Volltextsuche
  • 560,-- EUR Spendeneinzahlungen von 10 Sponsoren - DANKE!!!!
    • und da geht doch noch mehr - das ist vielleicht der letzte Aufruf für die einmalige Chance, sich als Juzet-Party-Sponsor zu verewigen ;-)
    • schaffen wir zusammen noch die 800 - 1.000 EUR?
    • gleich hier geht es zur Sponsoren-Seite! >>>> Ja, ich will Sponsor werden
  • 7 Tombola-Sponsoren, die schöne Geschenke gespendet haben
  • 72 Adressen sind im Mailverteiler registriert
    • da geht auch noch mehr
      • bitte tragt euch schnell noch in die Liste ein:
        • die lieben Facebook-Follower
        • die lieben Freunde, mit denen ich nur direkt per Mail in Kontakt stehe
        • die lieben Lebensgefährten von denen, deren andere bessere Hälfte bereits eingetragen ist und die selbst "nur" mitlesen
      • schaffen wir zusammen noch 90 - 100 Adressen im Mailverteiler?
      • >>> So funktioniert die Anmeldung
    • wir erwarten derzeit etwa 120 Besucher
  • ein erstklassiges Party-Programm mit starkem Bezug zum Juzet - zusammengestellt von dem "Bareider" Party-Komitee:
    • die Veranstaltung findet in der Schoko statt, dem einzigen legitimen Nachfolger des Juzet, - angenehm lässige Atmosphäre, echtes Juzet-Feeling, kein bisschen etabliert
    • 2 DJs: DJ Nick und DJ freek, beide im Juzet verwurzelt
    • Geile Liveauftritte
      • Euroschäck - Kulmbacher, deren 1. Konzert am 26.12.1982 zugleich die letzte Veranstaltung im Juzet war. Sie treten in damaliger Originalbesetzung auf - WAHNSINN!!
      • Rolling Chocolate - unsere Nachfolgegeneration ;-)
    • und Grußworte gibt es auch
      • OBin Brigitte Merk-Erbe
      • ...
    • und dazu ein erlesenes Buffet von bio bio. Die Inhaberin war, wie könnte es anders sein, im Juzet. Und dieses Buffet ist der HAMMER: echt saugut biogut. Schon beim Lesen läuft einem das Wasser im Munde zusammen;
      • Kalt:
        • Sandwiche mit 
          • Roter Bete
          • Kichererbsenaufstrich
          • Avokadocreme
          • Paprika-Chili-Creme
        • Snacks mit
          • Käse
          • Salami
        • Antipasti
          • Arabischer Fladen mit Schafskäse
          • Gemüsekuchen
          • Mangoldtarte
          • Vegetarische Pizza
      • Warm:
        • Kichererbsencurry mit jungem Spinat
        • Berglinsen-Gemüse-Pfanne
        • Reis-Gemüse-Paella
        • Nudelpfanne mit Frühlingsgemüse und Pesto
    • klar, dass es Becher-Bier gibt, dasselbe wie damals, natürlich wie gewohnt aus der Flasche
  • das sind alles fantastische Gründe, zur Juzet-Party zu kommen
  • das sind alles fantastische Gründe, jetzt sofort zur Sponsoren-Seite zu springen, und sich mit einer Spende zu verewigen >>> ja, ich will jetzt sofort Sponsor werden

Und hier noch ein paar statistische Informationen zum Blog:
  • mittlerweile haben wir bei Google einen festen 4. Platz für die Suchanfrage "jugendzentrum bayreuth" erobert
  • bei der Bildersuche für die Suchanfrage "jugendzentrum bayreuth" liegen wir ganz vorne, die meisten der ersten hundert Bilder kommen vom Juzet-Blog
  • die mobile Version des Blogs für Smartphones wird immer stärker genutzt
  • der Blog hat auffällig viele Aufrufe aus Island. Umgerechnet auf die Bevölkerungsanzahl ist Island sogar das mit Abstand aktivste Land im Juzet-Blog. Das hat vermutlich hiermit zu tun ;-)  >>> The world is a book





Stefan:
Was die Sache mit dem Bier betrifft, sollte sichergestellt werden, dass (wie einst im JuZet) pro Kasten zwei bis drei Flaschen sauer sind.

Werner:
Stefan , ich lasse gern ein paar saure anliefern für dich?

Stefan:
Au fein! ;-)

Mittwoch, 15. April 2015

Veränderungen 1977 - 1982
(Gastbeitrag von Stefan)

the times they are a-changing.

Anbei ein neuer Text für den JuZet-Blog.

Gruß,
Stefan

Veränderungen 1977 - 1982

 „Ch-ch-changes ... just gonna have to be a different man ... 
(David Bowie „Changes aus dem Album „Hunky Dory“, 1971)

Ich weiß nicht mehr, wann genau es losging. Wer oder was Anlass, Grund, Initialzündung war. Vielleicht lagen die ´Changes´ einfach in der Luft, die auf einmal ziemlich abgestanden wirkte, die nach Frischezufuhr verlangte, welche dann auch prompt herbeigefächelt wurde von einem nervös heranflatternden Geist namens Zeit. Oder auch: Trend, Mode.

Vielleicht war es einfach nur Langeweile. Kaum etwas ist schlimmer in der spannenden, aufregenden, von ständigen Veränderungen geprägten Phase zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr als das Ausbleiben von Spannung, Aufregung, Veränderung.

Möglicherweise lag es auch daran, dass ich, als ich 1977 als Fünfzehnjähriger Teil des faszinierenden Langhaar-, Teestuben-, Räucherstäbchen-, Hippiemusik („Gong & Co.) -, „Jute statt Plastik“-, Indienklamotten-, „Atomkraft? Nein, danke!“-, Griechenlandurlaub-, Anti-Kapitalismus-Universums des Offenen Jugendzentrums Bayreuth wurde, in eine Welt trat, die längst etabliert war, die irgendwann in den 1960er ihren Beatnik-Anfang genommen hatte, zur Hippiebewegung wurde, zum Achtundsechziger-Studentenprotest auch, und dann  - mittlerweile waren die 1970er angebrochen -  anfing, ihren festen Platz, ihre Strukturen, Standards, Institutionen auszubilden. Gorleben-Protest, Friedensbewegung. 1980 dann die Gründung der „Grünen“. Bei zumindest einer der Gründungssitzungen der Bayreuther Grünen war ich dabei, allerdings eher in hinterer Reihe und nicht besonders bei der Sache.

Die Szenerie wirkte für mich bereits reichlich erstarrt, langweilig-erwachsen, alt (während andere vom grünen Aufbruch schwärmten).

Bei den großen Antinachrüstungsprotesten der 1980er Jahre war ich jedenfalls nicht mehr anwesend. Frieden schaffen ohne Waffen hin oder her  -  eine größere Ansammlung Langhaariger (ein solcher war ich selbst noch kurz davor) in Latzhosen und in Kombination mit schlechter Live-Musik a la „Das weiche Wasser bricht den Stein (Bots) hatte für mich das Unerträglichkeitsniveau des Musikantenstadls.

Was war passiert?

Wieso trug ich im Jahre 1981  - 4 Jahre nach meinem Hippie-Einstand und kurz vor dem Abitur -  Röhrenjeans, Lederjacke, kurze, oben hochgestylte Haare?

Wieso bewunderte ich einen Bekannten, der nicht mit dem Jute-Umhängebeutel, sondern mit einem Haushaltsplastikeimer als Schultasche durch die Gegend lief und dessen Wohnung obstkisten- und räucherstäbchenbefreite Zone war, minimalistisch eingerichtet, nur weiße Wände. Und massenhaft Schallplatten, von Abwärts, B-52s, Clash, DAF, Der Plan, Einstürzende Neubauten, Fehlfarben♫ über Pop Group, Talking Heads, Siouxsie & the Banshees♫ bis hin zu ZK♫ (dem Vorläufer der Toten Hosen♫ übrigens).

Unter anderem war passiert, was der Hamburger Journalist und Independent-Plattenlabel-Betreiber Alfred Hilsberg im Oktober 1979 in der Zeitschrift „Sounds“ unter der Überschrift „Neue Deutsche Welle  -  Aus grauer Städte Mauern“ schrieb:
http://www.sounds-archiv.at/...

„In Westdeutschland und Westberlin findet eine neue Musik statt. Sie wird gemacht und wird gehört. Einige nennen es immer noch Punk und wollen es sein. Andere wissen mit diesem Begriff nichts mehr anzufangen. Dutzende von Gruppen arbeiten in Wohnzimmern, Übungsräumen, Studios. Manche spielen, um sich und ihren Fans Spaß zu bringen. Andere haben ernstere Ansprüche, entwickeln Konzepte, neue Töne. Und arbeiten mit deutschen Texten. Sie spielen in wenigen Clubs, organisieren bereits erste Tourneen. treten auf Lastwagen auf. Keiner lebt von der neuen Musik, Sie gehen arbeiten, zur Schule, studieren, nehmen Kredite auf, wohnen zu Hause oder in einer Kommune. Manche sind erst 15, andere bald 30.“

Dies war das erste Mal, dass der Begriff „Neue Deutsche Welle“ auftauchte, und damit waren nicht die späteren, dümmlichen Hitparaden-Schlagerclowns a la Markus („Ich will Spaß) und die 99-Luftballons-Trulla Nena♫ gemeint, sondern eine von Punk und New Wave ausgelöste, subkulturelle Kreativitätseruption inkl. Entstehung ganz neuer Distributions- (unabhängige Plattenlabels wie Alfred Hilsbergs „ZickZack“) und Kommunikationsmöglichkeiten (Fanzines).

Es war mehr als nur Musik, es war eine neue, ungemein elektrisierende Jugendkultur.
Und was ist schöner als Teil einer Jugendbewegung zu sein?

Also verabschiedete ich mich mehr und mehr aus der patschuli-umwölkten Hippiegemeinschaft des Offenen Jugendzentrums, auch wenn dieses als Veranstaltungsort für eben jene neue Welle und somit auch für mich weiterhin sehr gefragt war.

Ich bin dort einmal als Gitarrist mit den „Blitzboys“ aufgetreten und einmal bei einem musikalischen Live-Witz namens „Freibier“. (Wir hatten auf das Plakat „Freibier“ geschrieben, um Publikum anzulocken, welches dann anstattdessen mit einer Band dieses Namens konfrontiert wurde, die überhaupt nicht spielen konnte und kaum geprobt hatte. Ich erinnere mich an eine Cover-Version von „Kebab-Träume, bei der ich am Schlagzeug saß. Ich kann nicht Schlagzeug spielen.)

Kassettofest im Juzet 26.12.1982
http://www.bandmuseum.de/... 
Als Ende 1982 die Kulmbacher Band „Euroschäck“ im Jugendzentrum auftrat, war ich im Publikum (ein Foto davon ist in diesem Blog zu finden, irgendwo in den hinteren Reihen bin ich auch zu sehen), das Konzert war klasse.

Als kurz danach der letzte Vorhang für das Jugendzentrum an sich fiel, fand ich dies zwar weniger klasse, nahm es aber eher nebenbei zur Kenntnis, emotionslos.

Wie etwas, das eigentlich im Kopf schon längst abgehakt ist und jetzt nur noch formal bestätigt wird.

Das Ende ist manchmal banal.






Stefan:
Danke, Christian, für die umfangreiche Verlinkung der Bandnamen im Text zu You Tube & Co.: Schon interessant z.B., wenn man kurz hintereinander auf "Das weiche Wasser bricht den Stein" und "Musikantenstadl" klickt, hihi.

Christian:
Solche verteilten Arbeitsprozesse nennt man heute "crowdsourcing" - ich finde, wir haben das auf unsere alten Tage bisher ganz gut hingekriegt....

Stefan: 
Finde ich auch. ;-)

Montag, 13. April 2015

Gesichter des Juzet - heute

...Gesichter von damals, heute im Internet...


... zur mentalen Vorbereitung auf die Party, auch wenn natürlich nicht alle der hier Abgebildeten kommen werden.
Wenn jemand fehlt, bitte nicht böse sein. Ich habe nur die Bilder eingefügt, die ich frei zugänglich im Internet oder Facebook gefunden habe. Gerne füge ich weitere zugesendete Bilder hinzu!



Werner:
Ja wer sind denn die alle? Sollte ich die kennen?

Christian:
Tja, das ist vermutlich genau die Frage, die wir uns alle am 2.Mai stellen werden ;-)

Freitag, 10. April 2015

Die Teestube - Rituale & Varietäten (Gastbeitrag von Stefan)

It`s tea time:


Neulich war ich in Nürnberg. Nicht  - wie einstmals in Jugendzentrumszeiten -  aus Gründen des Schallplattenkaufs (siehe: „Das Jugendzentrum und die Magie der Schallplatte“) und auch nicht, um dem KOMM einen Besuch abzustatten. Wie das Offene Jugendzentrum Bayreuth ist auch das KOMM längst Geschichte (hat aber immerhin bis weit in die 1990er Jahre durchgehalten). Nein, es waren zwei andere Gründe:
Erstens bin ich immer wieder gerne in Nürnberg (alte Verbundenheit, habe 1995 bis 2008 dort gewohnt) und zweitens gibt es in der Frankenmetropole den einzigen Nespresso-Shop weit und breit.

Welche „Varietäten“ (Nespresso-Newspeak für Kaffeesorten und- mischungen) soll ich mir diesmal „holen“ (wie man heutzutage das Einkaufen nennt)? Dulsao do Brasil oder Rosabaya de Colombia? Kazaar, Ristretto oder Dharkan? Ich nehme schließlich Fortissio Lungo und lasse mich überreden, noch ein paar Kapseln Monsoon Malabar Limited Edition dazuzukaufen, auf dass daheim im Küchenregal die ohnehin schon wahnsinnige Varietätenvielfalt in eine neue Dimension des Auswahl-Overkills vorstoße.

Ich unterdrücke das bei Nespresso-Usern übliche schlechte Gewissen ökologischer (Wegwerfkaffeekapseln aus wertvollem Aluminium) und ökonomischer Art (Kaffee so teuer wie Tintenstrahldruckerpatronen) mit der üblichen Man-gönnt-sich-ja-sonst-nichts-Autosuggestion und habe ein Déjà Vu:
Irgendwie kommt mir das ganze Varietäten-Gedöns bekannt vor, dazu die permanente Fragentiefschürferei, ob man nun weißen, braunen oder gar keinen Zucker dazutun soll. Oder Kandis? Hohe Tassen oder eher flache? Dicke oder dünnwandige?

Richtig erraten: Ich spreche von der Teezeit.

Womit ich nicht das tägliche Five-o`-Clock-Tea-Ritual der Briten meine, sondern die Zeit in den 1970ern, als es im Offenen Jugendzentrum Bayreuth die Teestube gab und als auch so manches Jugendzimmer (meines zum Beispiel) eine Art Teestube war, ausgestattet mit mehrteiligem Teeservice (Standardausführung: dünne, weiße Tassen mit bläulichem Muster), welches im Obstkistenregal (oder auf einer umgedrehten, also zum Tischchen mutierten Obstkiste) stets bereitstand, dazu die passende Kanne auf Stövchen nebst Kerze zum Warmhalten (daneben griffbereit: Räucherstäbchen. Es war schon wichtig, stets sandlewood-umwölkt zu sein).
Dazu die nie befriedigend zu Ende diskutierte Grundsatzfrage: Wie gieße ich den Tee auf? Im Teenetz, im Porzellan-Einsatz oder im Tee-Ei?



Eines war klar: Fertiger Beuteltee aus dem Supermarktregal war ein Sakrileg, das Übel schlechthin, fast so schlimm wie Disco-Musik (siehe: „Jugendzentrum vs. Disco“). Tee wurde im spezialisierten Einzelhandel offen gekauft, und die Auswahl war riesig: Es gab aromatisierte Tees, sortenreine Tees, Teemischungen mit interessanten Namen („Blaue Stunde“ etwa). Es gab Darjeeling First Flush und Darjeeling Second Flush. Grüne Tees, schwarze Tees. Manche Tees rochen fruchtig, manche süßlich, manche scheußlich. Einige schmeckten bitter wegen Falschbehandlung (zu lange ziehen lassen), andere sollten so schmecken

All diese Varietäten (offen, kapsellos, aluminiumfrei, deutlich billiger als die noch nicht erfundenen Tintenstrahldruckerpatronen) bot die Teestube im Obergeschoß des Jugendzentrums  -  und noch viel mehr: Musikhören, diskutieren, schweigen, tagträumen, Schach oder Reversi spielen, auf bequemen Polstern herumfläzen (hey, davon haben die Amis ihr Starbucks-Inneneinrichtungskonzept geklaut!), nicht (!) rauchen.

Ja, genau: In der Teestube wurde nicht geraucht, erstaunlich in jenen verqualmten Zeiten (siehe: „Der blaue Dunst und die Selbstgedrehte“), und alle hielten sich dran. Denn im Gegensatz zur allgemeinen Ansicht über die Langhaarigen im Jugendzentrum war deren Selbstorganisationsfähigkeit und -disziplin ziemlich hoch.

Die Teestube bot  - einfach so, quasi aus dem Ärmel -  etwas, das heutzutage zwar in aller Munde,
aber selten machbar ist: Entschleunigung. Und das, obwohl es diesen Begriff damals noch gar nicht gab.

So, jetzt erst mal einen Teebeutel ins Wasser hängen. Wenn nur dieser verdammte Schnellkocher nicht so lange brauchen würde!




Aus dem Archiv:

WIR 01/1977 S.23
Flyer Offenes Juzet, 1979

>>> Die Teestube in der "virtuellen Realität", Kamerafahrt

Mittwoch, 8. April 2015

Griechenland, das Sommerferien-Indien (Gastbeitrag von Stefan)

Hallo Christian,

anbei ein neuer Beitrag von mir für dein JuZet-Blog (mit zwei Fotos, 1979 und 1982), passend zum heutigen schönen Wetter (blauer Himmel, zumindest hier in Bamberg):

Griechenland, das Sommerferien-Indien

Keine blaue Stunde, dafür blauer Himmel und ebensolches Meer:
Obwohl ich mir schon vor einiger Zeit (ziemlich) fest vorgenommen hatte, etwas über die legendäre Teestube im Obergeschoß des Offenen Jugendzentrums Bayreuth zu schreiben, und ich dies auch blogintern Christian gegenüber nicht nur einmal angekündigt hatte, zündet es in mir schreibtechnisch bis dato immer noch nicht so recht.

Also verschiebe ich die „Blaue Stunde“ (so der Name einer damals sehr beliebten Teemischung) ein weiteres Mal auf den Tag, der dem heiligen Nimmerlein gewidmet ist, und widme mich meinerseits erst einmal Griechenland, inspiriert von Christians Blog-Beitrag „Indien“ vom 25. Januar 2015: „Indien - magischer Klang, Eines der wertvollsten und angesagtesten Ziele, welches man damals als "Freak" per Anhalter oder im umgebauten Bus erreichen konnte.“

Kurzerhand die Begriffe „Indien“ und „umgebauter Bus“ durch „Griechenland“ und „billiges Eisenbahnticket“ ersetzt, und schon passt der Satz prima für die alljährliche Augustplanung von so manchem Langhaarteenager aus dem Mit-bis-End-1970er-Jugendzentrumsumfeld.

Die Beliebtheit dieses Reiseziels speiste sich aus mehreren Aspekten:

  • Ein Griechenland-Trip war sehr preisgünstig. Sofern er die Anreise per Anhalter nicht wagte (oder ihm dies von seinen Eltern schlicht verboten wurde), griff der junge Mensch dieser Zeit zu einem der sehr günstigen Quer-durch-Europa-Eisenbahntickets („Transalpino“, „Twen-Tours“ u. ä.), das ihm die Eltern gerne bezahlten (sofern er bloß nicht trampte). Die Übernachtungen in Griechenland waren nicht teuer, sie kosteten exakt 0,00 Drachmen (entsprach nach damaligem Umrechnungskurs genau 0,00 D-Mark), da man sein Zelt dort einfach irgendwo aufschlug bzw. angesichts der warmen Sommernächte einfach seinen Schlafsack unter freiem, beeindruckend stern- und sternschnuppenreichem Südhimmel am Strand der Ägäis ausrollte.
  • Griechenland galt als sehr (diebstahl-) sicher. Wir haben beispielsweise damals im August 1979 unsere Sachen (Ruck- und Schlafsäcke, Klamotten etc.) in einem Kiefernhain am Strand liegen lassen, um einen Ein-Tages-Kurztrip per Anhalter ohne beschwerliches Gepäck ins antike Olympia zu machen, und als wir am Abend wieder zurück waren, lagen die Sachen noch unversehrt da. Wir hatten auch nichts anderes erwartet.
  • Die Griechen galten als sehr gastfreundlich, und tatsächlich wurde man ständig von irgendwelchen Leuten zum Essen eingeladen, was den billigen Urlaub noch billiger machte (ich erinnere mich etwa  - es war mein zweiter Griechenland-Trip im Jahre 1980 -  an ein köstliches, nächtliches Mahl am Strand mit frisch gefangenem, gegrilltem Fisch, Salaten, Brot, Wein).
  • Es war ein schön weit entferntes Ziel, die Anreise (ob Bahn oder per Anhalter) dauerte Tage, man war in einer anderen Welt, lernte bereits unterwegs andere Welten und viele Leute kennen. Die Weite und Beschwerlichkeit der Anreise (welche die ganze Sache so richtig spannend und interessant machte) lässt sich aus dem beigefügten Foto von mir herauslesen, das mich Anfang August 1979 auf der Fähre von Brindisi/Italien nach Thessaloniki/Griechenland zeigt. Ich sehe nicht nur wg. Haar- und Bartgesichtszuwucherung deutlich älter als meine tatsächlichen 17 Lebensjahre aus, ich war auch total fertig nach Tagen in überfüllten Zügen durch Italien ohne Sitzplatz.
  • Dadurch, dass Griechenland im Sommer mit deutschen Rucksacktouristen (der mittlerweile in die deutsche Sprache eingegangene Begriff „Backpacker“ war damals noch gänzlich unbekannt) überschwemmt war, traf man ständig auf Gleichaltrige und Gleichsprachliche, mit denen man Routentipps, Erfahrungen etc. austauschen konnte, man half sich gegenseitig, wenn nötig. Einmal sind mir auf einer Dorfstraße irgendwo auf der Halbinsel Chalkidike ein paar Bayreuther entgegengekommen. Keiner von uns war wirklich überrascht, und wir haben uns unterhalten, als hätten wir uns nach der Schule zufällig am Bayreuther Marktbrunnen getroffen. Irgendwie war Griechenland ein einziges, großes, offenes Jugendzentrum unter weitem, blauen Himmel.

Um einen Griechenland-Trip antreten zu können, musste man sich vorher erst einmal eine Grundausstattung anschaffen:

  • Wichtigstes Utensil war der sogenannte Tramper-Rucksack. Der bestand üblicherweise aus einem Aluminiumtragegestell, an dem der eigentliche Rucksack befestigt war. Aluminium klingt leicht, mysteriöserweise war so ein Rucksack aber auch ohne Inhalt sauschwer. Die gepolsterten Trageriemen waren aus einem speziellen Polster gefertigt, das derart an den Schultern einschnürte, dass man von Polsterung (und vor Anstrengung) nicht sprechen konnte. Ein Meisterwerk der 1970er-Jahre-Rucksack-Hochtechnologie. Mein Rucksack war nicht rot oder blau oder gelb oder bunt, sondern eine Mischung aus Nato-Olivgrün und Kackbraun. Warum ich 1979 als 17-jähriger Pazifist und späterer (erfolgreicher) Wehrdienstverweigerer diese spezielle Farbgebung freiwillig beim Rucksackkauf im Bayreuther Sportgeschäft Giessübel gewählt habe, gehört zu den letzten noch ungelösten Rätseln der Menschheit. Unten am Rucksack war ein Alu-Rahmen zum Ausklappen angebracht, auf dem der Schlafsack und/oder das Einmannzelt festgeschnallt war.
  • Das Einmannzelt hieß damals Einmannzelt, ohne dass man von Frau Einwände gehört hätte (so links und gesellschaftskritisch wir auch waren, manche Begriffe wurden nicht hinterfragt) und obwohl nicht nur eine, sondern zwei Personen (Mann wie Frau) darin Platz gefunden hätten, wenn, ja wenn man/frau das Zelt aufgeschlagen hätte, was aufgrund der warmen, trockenen Nächte an den Stränden Griechenlands und des Umstands, dass das Sternenzelt nicht nur wesentlich größer und schöner war, sondern nicht erst umständlich aufgebaut werden musste, nicht nötig war, so dass man sich das Den-ganzen-Urlaub-hindurch-am-Rucksack-Herumschleppen dieses beschissenen Einmanndingens eigentlich komplett hätte schenken können, verdammt noch mal.
  • Mindestens so wichtig wie das Rucksackungetüm hinten war der Umhängebeutel bzw. (wie auf dem 1979er Foto von mir zu sehen) die Umhängelederbrieftasche vorne, in welchem/welcher sich Ausweis, Geld, Tickets befanden. Damit auch jeder sieht, dass man Ausweis, Tickets und Geld mit sich führt. Außerdem schnürt das Bändchen so schön am Hals ein (siehe auch: Trageriemen des Tramper-Rucksacks).
  • Äußerst wichtige Grundvoraussetzungen für juveniles Backpackertum waren darüberhinaus bleiche Haut und dünner, komplett unsportlicher Körper (im Gegensatz zum älteren Establishment-Touristen, der bleiche Haut mit Bierbauch kombinierte). Diese Voraussetzungen hatte ich idealtypisch erfüllt (siehe Foto) und, kaum, dass ich sonnig-warme Südeuropagefilde betreten hatte, der staunenden Öffentlichkeit dargeboten. Das Sich-im-Süden-Entblößen und dabei am besten hässliche Sandalen tragen ist ein deutsches Verhaltensmuster, das uns nicht nur in Griechenland seit jeher sehr beliebt macht (zumindest beliebter, als in Uniform und bewaffnet den Süden zu bereisen).
  • Ein weiterhin sehr wichtiges Utensil war auch die große Plastikflasche mit (stillem) Mineralwasser, die man sich kaufte, sobald südeuropäischer Boden betreten war, und die man stets bei sich zu führen hatte (lt. Vorgabe der Genfer Konvention). Dies war insofern exotisch, als damals in der Bundesrepublik Deutschland Mineralwasserflaschen nur aus Glas waren (Mehrweg mit der Prägung „Deutscher Brunnen“) und das Wasser mit Kohlensäure versetzt und „enteisent“ (*) war. Daher nannte man hierzulande Mineralwasser in der Regel auch Sprudel.

Mit so einer Ausrüstung konnte beim Griechenland-Trip eigentlich nichts schiefgehen, und wenn mal wieder alles schiefging, kam man doch wieder unversehrt nach Hause mit vielen, vielen Fotos (= ein 36-Bilder-Film, wovon man 23 im Urlaub verknipst hatte, so dass man Zuhause die restlichen 13 irgendwie verfotografieren musste, um den Film zum Entwickeln geben und eine Woche später kleine, aber teure Farbabzüge in den Händen halten zu können, die dann in ein Album geklebt wurden, wo sie über die Jahre erst Rotstich bekamen und dann ganz die Farben verloren: 1970er-Jahre-Filmchemie halt, siehe auch: 1970er-Jahre-Rucksacktechnologie).
Es war eine schöne Zeit.

Ein Foto-Hinweis:
Das zweite Foto, 1982, also drei Jahre nach der 1979er Griechenlandreise aufgenommen (ich war mittlerweile 20), habe ich nur beigefügt, weil ich in dem verstaubten Fotoalbum, in dem die
Griechenland-Bilder sind, über dieses Bild gestolpert bin und mich der Anblick meiner äußeren Veränderungen für einen Moment fasziniert hat, eine auch innere Veränderung, die wohl auch mit meinem Verhältnis zum Jugendzentrum und mit dessen Ende 1982 irgendetwas zu tun hat, aber das wäre ein Thema für einen anderen Textbeitrag … .







(*) Anmerkung des "Säzzers":

Ursprünglich stand hier "enteisend". Da sich dieser Blog dank des Hinweises zum "zigaretterauchenden Junghippie" mittlerweile auch mit der Komplexität der deutschen Sprache auseinandersetzt, soll hier erklärt werden, warum es korrekt "enteisent" heissen muss und warum vermutlich die meisten Leser, obwohl mit dem Wort "enteisent" seit vielen Jahren auf fast jeder Sprudelflasche konfrontiert, dieses Wort fehlinterpretieren:

Das Wort „enteisent“ ist das Partizip Perfekt des Verbs "enteisenen" (!), wird jedoch oft als Partizip Präsens Aktiv fehlinterpretiert; daraus ergibt sich dann die Fehldeutung, das Mineralwasser würde dem Körper „Eisen entziehen“. 
Das korrekte Partizip Präsens Aktiv des Verbs "enteisenen" würde allerdings „enteisenend“ heißen, so wie "enteisend" das Partizip Präsens Aktiv des Verbs "enteisen" ist (eine Scheibe enteisen).
Das Partizip Perfekt des Verbs "enteisenen" (Eisen entziehen), also "einteisent", bedeutet nichts anderes, als dass dem Mineralwasser das Eisen entzogen wurde.

vgl. auch "enteisen" (Eis entfernen), "enteisend", "enteist"




Hermien:
 "Der Säzzer"  ;-) Die guten Taz-Zeiten. Und ja, man traf sich wirklich überall. Ich weiß noch, dass Jürgen (...) und ich Michael (...) mitten in Athen trafen. Danke für die nostalgischen Gefühle!

Susanne:
Lieber Stefan, ein toller Beitrag, hab mich grad kaputt gelacht, köstlich

Birgit:
Juchu! Wieder ein schöner Text zum Tag versüßen!


Stefan:
Vielen Dank für die netten Feedbacks - und natürlich Dank an den aufmerksamen Säzzer :-)

Sonntag, 5. April 2015

Zwei Ostereier (eBooks)

Zu Ostern gibt es 2 Ostereier, nämlich 2 eBooks zum Lesen und/oder Download.

  1. Die Geschichte des Juzet

    Die gesamte Geschichte des Juzet mit allen Dokumenten in einem 222-seitigen pdf mit aktiven Links

    Druckformat A5
    222 Seiten
    Größe ca. 50 MB
    >>> Ansehen/Download
     
  2. Beiträge und Seiten

    Alle Beiträge und Inhaltsseiten des Juzet-Blogs in einem 187 225-seitigen pdf in chronologischer Reihenfolge und mit aktiven Links

    Druckformat A4
    187 225 Seiten
    Dateigröße ca. 10 MB
    >>> Ansehen/Download

Da ja noch einige Beiträge erscheinen werden, ist dieser Link hier  nur der Stand vom 8.April 2015 nicht immer auf dem aktuellsten Stand. Weitere noch erscheinende Beiträge werden sukzessive angefügt. Die jeweils aktuellsten Versionen der eBooks finden sich rechts im Download-Bereich.


Samstag, 4. April 2015

Jugendzentrum vs. Disco (Gastbeitrag von Stefan)

Stefans Erinnerungsflash hält an und bringt ein ganz heißes Thema hervor ;-) Besten Dank, Stefan!

Ah, ah, ah, ah, stayin' alive, stayin' alive!

Ende 1977 sorgte dieses trotzige, von stampfenden Beats unterlegte, in hohem Falsett gesungene
Statement, sich nicht unterkriegen zu lassen  - nicht vom Moloch New York, nicht vom tristen Brooklyner Arbeiterklassedasein -  , sondern besser der prallen Hier-und-jetzt-Lebenslust, genauer: dem Hedonismus im tanzenden Licht der sich allsamstagnächtlich drehenden Glitzerkugel zu frönen, zu einem Comeback der musikalischen Brüder BeeGees, die Jahre zuvor mit eher sanft-opulenten Balladen („Massachusetts“) weltweite Charts-Erfolge einheimsten, danach aber einige Zeit kommerzielle Pause hatten.

Die Single-Auskoppelung „Stayin` Alive (Veröffentlichung: 13. Dezember 1977) aus dem Soundtrack des Kinofilms „Saturday Night Fever“ (mit John Travolta in der Hauptrolle, >>> Trailer) schoß in den weltweiten Musikverkaufscharts durch die Decke und sorgte gemeinsam mit dem (Kinokassen zur Geldmaschine machenden) Film für eine globale Discowelle, die vor Deutschland nicht halt machte, auch wenn sie hier etwas verzögert ankam: Der Filmstart in „diesem unserem Lande“ (so, in anderem Zusammenhang, der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl) war erst am 13. April 1978.

Somit verließ die Disco-Bewegung ihr subkulturelles Biotop, nämlich die New Yorker Schwulen- und Lesbenszene, und wurde zum Pop-Mainstream, was zur Folge hatte, dass sich auch so mancher bundesrepublikanische Jüngling die akkurat geschnittenen Haare mit Gel frisierte, sich in einen weißen Anzug warf und (wie John Travolta als Tony Manero im Film) die Tanzflächen der Diskotheken untertan machte.

In der Bayreuther Tanzschule Strömsdörfer („Strömi“) wurde Disco-Fox gelehrt. Im Offenen Jugendzentrum wurde Disco gehasst.

Als damals ein Freund von mir in provokativer Absicht grinsend die oben erwähnte Schallplatte mit den (übrigens nur halb ironischen) Worten, dies sei echt gute Musik, auflegte, brach bei den Anwesenden ein Sturm der Entrüstung los und die Platte auseinander (letzteres kann ich nicht verbürgen, aber dieser Satz klingt einfach zu gut).

www.imdb.com/...
Das John-Travolta-Lookalike-Volk und die zugehörige Musik galten bei uns Jugendzentrikern als wahlweise dumm, bescheuert oder einfach nur blöd. Einige vermuteten auch den bösen (US-) Kapitalismus dahinter, der die Jugend mit oberflächlichem Discovergnügen vom Reflektieren über die wahren eigenen Bedürfnisse abhielt und somit revolutionären Geist im Keim erstickte.

Dass sich auch Frank Zappa in seiner Musik über Disco lustig machte („Dancin` Fool) war nur eine von vielen Bestätigungen unserer Haltung, und dass man, wenn man ab und an eine Stippvisite in der Höhle des Löwen, nämlich in der Diskothek „Max 30“ machte, von Disco-Typen wegen der langen Haare aggressiv angemacht wurde, eine weitere.

Im Gegenzug wurde einem Jugendlichen aus der Disco-Szene, der sich ins Offene Jugendzentrum verirrt hatte, durch eisige Ablehnung schon mal klar gemacht, dass die Definition von „offen“ im Jugendzentrum eine ganz spezielle war. Die Discokultur wurde von uns einfach nicht als solche anerkannt. Wenn auch niemand so weit ging wie die selbsternannten Retter der Rockmusik, die (aufgehetzt von Rock-Radio-DJs) 1979 unter dem Motto „Disco sucks!“ in Chicago öffentlich Disco-Schallplatten verbrannten. Das Verbrennen von Kulturgut hat sich in Deutschland seit 1933 zum Glück bislang nicht wiederholt.

Aus heutiger Rückschau war das Verteufeln der Disco-Bewegung falsch und ignorant. Letzteres nicht nur angesichts des subkulturellen, Anti-(!)-Establishment-Hintergrunds von Disco, sondern auch bezüglich der musikalischen Vielfalt dieser Variante der Pop-Kultur und deren Einfluß auf andere Stilrichtungen.

Gegenwärtig wird ja dem Lebenswerk des mittlerweile 75-jährigen Giorgio Moroder gehuldigt, dem einstigen „Munic-Disco-Produzenten, unter anderem auf dem letztjährigen, preisgekrönten Album des Pop-Duos Daft Punk. Ganz zu Recht, finde ich.

Das Anti-Disco-Spielchen hat sich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre im Prinzip wiederholt, als die Verfechter „echter“ Rockmusik die entstehende Techno-Bewegung beschimpften: „Primitives Gestampfe!“ „Das soll Musik sein?“ Soll es nicht nur, ist es auch. Und zwar gute. Auf meinem iPod jedenfalls existieren unter anderem Techno/House/Electronic, Sex Pistols, Talking Heads, Neil Young, Frank Zappa, Ludwig van Beethoven u.v.m. einträchtig nebeneinander.

>>> Bee Gees Stayin` Alive
>>> Saturday Night Fever Trailer
>>> Tanzschule Strömsdörfer
>>> Frank Zappa Dancin` Fool
>>> Munic-Disco Giorgio Moroder Medley
>>> Daft Punk | Random Access Memories | The Collaborators: Giorgio Moroder
>>> Post 70er: Daft Punk Top Tracks




Stefan: 
Apropos Ludwig Van Beethoven (im letzten Satz des Textes erwähnt): Den gab es damals auch in der Disco-Version: Walter Murphy - A Fifth Of Beethoven.

Birgit:
Lieber Stefan! Ich hätte gerne eine tägliche Kolumne von dir - du schreibst so gut über unsere Vergangenheit, da wird man richtig süchtig!

Hermien:
Franz hat recht, Stefan! Schreib bitte weiter

Birgit:
Das liest sich wie Thomas Brussig für Westdeutsche... :0)

Stefan:
Vielen Dank! ;-)

Donnerstag, 2. April 2015

Die Grenze des Machbaren

Für meine Kinder unvorstellbar oder längst aus deren Erinnerung verschwunden, hat sie unser aller Leben in und um das Bayreuther Offene Jugendzentrum herum sehr direkt, aber auch sehr subtil beeinflusst: die Mauer, die Zonengrenze, die Staatsgrenze zur DDR (in BILD-Schreibweise: „DDR“), die deutsch-deutsche Grenze oder der anti-imperialistische Schutzwall – je nach Sichtweise. Irgendwie war die Grenze immer präsent, vor allem auch in unseren Köpfen, so oder so, nur in der Wetterkarte der Tagesschau, da gab es keine Grenze.

Zieht man einen Kreis um Bayreuth mit 50 km Radius, dann war damals fast die Hälfte seines Umfangs Grenze zum „Ostblock“. Zonenrandförderung war angesagt - und militärische Präsenz. Die GIs, die amerikanischen Soldaten der Christensen Barracks in Bindlach, waren normaler Teil des Bayreuther Nachtlebens. Manche Discotheken wurden regelmäßig von der recht martialisch aussehenden „Military Police“ (MP) kontrolliert.

Die Spitze des Schneebergs im Fichtelgebirge war militärisches Sperrgebiet, der ehemalige amerikanische Abhörturm ein weithin sichtbares Zeichen für den andauernden Kampf zweier politischer und militärischer Systeme.

Rudolphstein/Hirschberg, der schwer gesicherte Grenzübergang bei Hof, hässlich und unfreundlich, war der Startpunkt jeder öden, grauen 3-Stunden-Fahrt durch die DDR nach Berlin. Die Raststätten dazwischen waren skurrile deutsch-deutsche Treffpunkte, in denen man sich einen Broiler oder eine Soljanka einverleiben konnte zu aus westlicher Sicht merkwürdigen Preisen wie 2,14 M – wir kannten eher Preise wie 4,98 DM. Die Stimmung in diesen Raststätten, in denen die einen Deutschen neben den anderen Deutschen saßen, war surreal, die Intershops wie aus einer anderen Welt.

Diese unwirkliche Stimmung fiel erst von einem ab, nachdem man in Berlin den Grenzübergang Dreilinden/Drewitz hinter sich gebracht hatte. Das damals daraus für Berlin resultierende fast heimelige Insel- und Heile-Welt-Gefühl ist heute nicht mehr reproduzierbar.

Die Geschichte hat viele Hoffnungen von damals enttäuscht oder eines Besseren belehrt. Die Menschen wollten das System dort einfach nicht. Oder das System wollte die Menschen nicht. Oder das System konnte sich den Menschen nicht mehr schnell genug anpassen. Vielleicht war es auch einfach der Wunsch nach freier Bewegung und weniger Beobachtung. Auf jeden Fall hat es nicht funktioniert und ist vollends gescheitert.

Auch ein selbstverwaltetes, offenes Jugendzentrum hätte es „drüben“ so nicht geben können, das war einfach undenkbar. Hier war die deutsche-deutsche Grenze auch eine Grenze des Machbaren. Dieser exklusive Luxus war uns im Westen vorbehalten. Natürlich gab es das Juzet nicht geschenkt, es musste hart vom Verein, den Unterstützern und den Aktiven gegen viele Widerstände erkämpft und immer wieder verteidigt werden.

Aber dass es in Bayreuth möglich war, sich so einen wunderbaren, freien Abenteuerspielplatz demokratisch zu „erobern“, dafür darf man der Gesellschaft, der Stadt Bayreuth und ihrer Kommunalpolitik rückblickend auch einfach mal Danke sagen, oder? Und ohne den Widerstand der "konservativen Spießer" hätte es doch auch viel weniger Spaß gemacht ;-)


>>> US Army Installations - Grafenwöhr (u.a. die Christensen Barracks, Bindlach)