Mittwoch, 8. April 2015

Griechenland, das Sommerferien-Indien (Gastbeitrag von Stefan)

Hallo Christian,

anbei ein neuer Beitrag von mir für dein JuZet-Blog (mit zwei Fotos, 1979 und 1982), passend zum heutigen schönen Wetter (blauer Himmel, zumindest hier in Bamberg):

Griechenland, das Sommerferien-Indien

Keine blaue Stunde, dafür blauer Himmel und ebensolches Meer:
Obwohl ich mir schon vor einiger Zeit (ziemlich) fest vorgenommen hatte, etwas über die legendäre Teestube im Obergeschoß des Offenen Jugendzentrums Bayreuth zu schreiben, und ich dies auch blogintern Christian gegenüber nicht nur einmal angekündigt hatte, zündet es in mir schreibtechnisch bis dato immer noch nicht so recht.

Also verschiebe ich die „Blaue Stunde“ (so der Name einer damals sehr beliebten Teemischung) ein weiteres Mal auf den Tag, der dem heiligen Nimmerlein gewidmet ist, und widme mich meinerseits erst einmal Griechenland, inspiriert von Christians Blog-Beitrag „Indien“ vom 25. Januar 2015: „Indien - magischer Klang, Eines der wertvollsten und angesagtesten Ziele, welches man damals als "Freak" per Anhalter oder im umgebauten Bus erreichen konnte.“

Kurzerhand die Begriffe „Indien“ und „umgebauter Bus“ durch „Griechenland“ und „billiges Eisenbahnticket“ ersetzt, und schon passt der Satz prima für die alljährliche Augustplanung von so manchem Langhaarteenager aus dem Mit-bis-End-1970er-Jugendzentrumsumfeld.

Die Beliebtheit dieses Reiseziels speiste sich aus mehreren Aspekten:

  • Ein Griechenland-Trip war sehr preisgünstig. Sofern er die Anreise per Anhalter nicht wagte (oder ihm dies von seinen Eltern schlicht verboten wurde), griff der junge Mensch dieser Zeit zu einem der sehr günstigen Quer-durch-Europa-Eisenbahntickets („Transalpino“, „Twen-Tours“ u. ä.), das ihm die Eltern gerne bezahlten (sofern er bloß nicht trampte). Die Übernachtungen in Griechenland waren nicht teuer, sie kosteten exakt 0,00 Drachmen (entsprach nach damaligem Umrechnungskurs genau 0,00 D-Mark), da man sein Zelt dort einfach irgendwo aufschlug bzw. angesichts der warmen Sommernächte einfach seinen Schlafsack unter freiem, beeindruckend stern- und sternschnuppenreichem Südhimmel am Strand der Ägäis ausrollte.
  • Griechenland galt als sehr (diebstahl-) sicher. Wir haben beispielsweise damals im August 1979 unsere Sachen (Ruck- und Schlafsäcke, Klamotten etc.) in einem Kiefernhain am Strand liegen lassen, um einen Ein-Tages-Kurztrip per Anhalter ohne beschwerliches Gepäck ins antike Olympia zu machen, und als wir am Abend wieder zurück waren, lagen die Sachen noch unversehrt da. Wir hatten auch nichts anderes erwartet.
  • Die Griechen galten als sehr gastfreundlich, und tatsächlich wurde man ständig von irgendwelchen Leuten zum Essen eingeladen, was den billigen Urlaub noch billiger machte (ich erinnere mich etwa  - es war mein zweiter Griechenland-Trip im Jahre 1980 -  an ein köstliches, nächtliches Mahl am Strand mit frisch gefangenem, gegrilltem Fisch, Salaten, Brot, Wein).
  • Es war ein schön weit entferntes Ziel, die Anreise (ob Bahn oder per Anhalter) dauerte Tage, man war in einer anderen Welt, lernte bereits unterwegs andere Welten und viele Leute kennen. Die Weite und Beschwerlichkeit der Anreise (welche die ganze Sache so richtig spannend und interessant machte) lässt sich aus dem beigefügten Foto von mir herauslesen, das mich Anfang August 1979 auf der Fähre von Brindisi/Italien nach Thessaloniki/Griechenland zeigt. Ich sehe nicht nur wg. Haar- und Bartgesichtszuwucherung deutlich älter als meine tatsächlichen 17 Lebensjahre aus, ich war auch total fertig nach Tagen in überfüllten Zügen durch Italien ohne Sitzplatz.
  • Dadurch, dass Griechenland im Sommer mit deutschen Rucksacktouristen (der mittlerweile in die deutsche Sprache eingegangene Begriff „Backpacker“ war damals noch gänzlich unbekannt) überschwemmt war, traf man ständig auf Gleichaltrige und Gleichsprachliche, mit denen man Routentipps, Erfahrungen etc. austauschen konnte, man half sich gegenseitig, wenn nötig. Einmal sind mir auf einer Dorfstraße irgendwo auf der Halbinsel Chalkidike ein paar Bayreuther entgegengekommen. Keiner von uns war wirklich überrascht, und wir haben uns unterhalten, als hätten wir uns nach der Schule zufällig am Bayreuther Marktbrunnen getroffen. Irgendwie war Griechenland ein einziges, großes, offenes Jugendzentrum unter weitem, blauen Himmel.

Um einen Griechenland-Trip antreten zu können, musste man sich vorher erst einmal eine Grundausstattung anschaffen:

  • Wichtigstes Utensil war der sogenannte Tramper-Rucksack. Der bestand üblicherweise aus einem Aluminiumtragegestell, an dem der eigentliche Rucksack befestigt war. Aluminium klingt leicht, mysteriöserweise war so ein Rucksack aber auch ohne Inhalt sauschwer. Die gepolsterten Trageriemen waren aus einem speziellen Polster gefertigt, das derart an den Schultern einschnürte, dass man von Polsterung (und vor Anstrengung) nicht sprechen konnte. Ein Meisterwerk der 1970er-Jahre-Rucksack-Hochtechnologie. Mein Rucksack war nicht rot oder blau oder gelb oder bunt, sondern eine Mischung aus Nato-Olivgrün und Kackbraun. Warum ich 1979 als 17-jähriger Pazifist und späterer (erfolgreicher) Wehrdienstverweigerer diese spezielle Farbgebung freiwillig beim Rucksackkauf im Bayreuther Sportgeschäft Giessübel gewählt habe, gehört zu den letzten noch ungelösten Rätseln der Menschheit. Unten am Rucksack war ein Alu-Rahmen zum Ausklappen angebracht, auf dem der Schlafsack und/oder das Einmannzelt festgeschnallt war.
  • Das Einmannzelt hieß damals Einmannzelt, ohne dass man von Frau Einwände gehört hätte (so links und gesellschaftskritisch wir auch waren, manche Begriffe wurden nicht hinterfragt) und obwohl nicht nur eine, sondern zwei Personen (Mann wie Frau) darin Platz gefunden hätten, wenn, ja wenn man/frau das Zelt aufgeschlagen hätte, was aufgrund der warmen, trockenen Nächte an den Stränden Griechenlands und des Umstands, dass das Sternenzelt nicht nur wesentlich größer und schöner war, sondern nicht erst umständlich aufgebaut werden musste, nicht nötig war, so dass man sich das Den-ganzen-Urlaub-hindurch-am-Rucksack-Herumschleppen dieses beschissenen Einmanndingens eigentlich komplett hätte schenken können, verdammt noch mal.
  • Mindestens so wichtig wie das Rucksackungetüm hinten war der Umhängebeutel bzw. (wie auf dem 1979er Foto von mir zu sehen) die Umhängelederbrieftasche vorne, in welchem/welcher sich Ausweis, Geld, Tickets befanden. Damit auch jeder sieht, dass man Ausweis, Tickets und Geld mit sich führt. Außerdem schnürt das Bändchen so schön am Hals ein (siehe auch: Trageriemen des Tramper-Rucksacks).
  • Äußerst wichtige Grundvoraussetzungen für juveniles Backpackertum waren darüberhinaus bleiche Haut und dünner, komplett unsportlicher Körper (im Gegensatz zum älteren Establishment-Touristen, der bleiche Haut mit Bierbauch kombinierte). Diese Voraussetzungen hatte ich idealtypisch erfüllt (siehe Foto) und, kaum, dass ich sonnig-warme Südeuropagefilde betreten hatte, der staunenden Öffentlichkeit dargeboten. Das Sich-im-Süden-Entblößen und dabei am besten hässliche Sandalen tragen ist ein deutsches Verhaltensmuster, das uns nicht nur in Griechenland seit jeher sehr beliebt macht (zumindest beliebter, als in Uniform und bewaffnet den Süden zu bereisen).
  • Ein weiterhin sehr wichtiges Utensil war auch die große Plastikflasche mit (stillem) Mineralwasser, die man sich kaufte, sobald südeuropäischer Boden betreten war, und die man stets bei sich zu führen hatte (lt. Vorgabe der Genfer Konvention). Dies war insofern exotisch, als damals in der Bundesrepublik Deutschland Mineralwasserflaschen nur aus Glas waren (Mehrweg mit der Prägung „Deutscher Brunnen“) und das Wasser mit Kohlensäure versetzt und „enteisent“ (*) war. Daher nannte man hierzulande Mineralwasser in der Regel auch Sprudel.

Mit so einer Ausrüstung konnte beim Griechenland-Trip eigentlich nichts schiefgehen, und wenn mal wieder alles schiefging, kam man doch wieder unversehrt nach Hause mit vielen, vielen Fotos (= ein 36-Bilder-Film, wovon man 23 im Urlaub verknipst hatte, so dass man Zuhause die restlichen 13 irgendwie verfotografieren musste, um den Film zum Entwickeln geben und eine Woche später kleine, aber teure Farbabzüge in den Händen halten zu können, die dann in ein Album geklebt wurden, wo sie über die Jahre erst Rotstich bekamen und dann ganz die Farben verloren: 1970er-Jahre-Filmchemie halt, siehe auch: 1970er-Jahre-Rucksacktechnologie).
Es war eine schöne Zeit.

Ein Foto-Hinweis:
Das zweite Foto, 1982, also drei Jahre nach der 1979er Griechenlandreise aufgenommen (ich war mittlerweile 20), habe ich nur beigefügt, weil ich in dem verstaubten Fotoalbum, in dem die
Griechenland-Bilder sind, über dieses Bild gestolpert bin und mich der Anblick meiner äußeren Veränderungen für einen Moment fasziniert hat, eine auch innere Veränderung, die wohl auch mit meinem Verhältnis zum Jugendzentrum und mit dessen Ende 1982 irgendetwas zu tun hat, aber das wäre ein Thema für einen anderen Textbeitrag … .







(*) Anmerkung des "Säzzers":

Ursprünglich stand hier "enteisend". Da sich dieser Blog dank des Hinweises zum "zigaretterauchenden Junghippie" mittlerweile auch mit der Komplexität der deutschen Sprache auseinandersetzt, soll hier erklärt werden, warum es korrekt "enteisent" heissen muss und warum vermutlich die meisten Leser, obwohl mit dem Wort "enteisent" seit vielen Jahren auf fast jeder Sprudelflasche konfrontiert, dieses Wort fehlinterpretieren:

Das Wort „enteisent“ ist das Partizip Perfekt des Verbs "enteisenen" (!), wird jedoch oft als Partizip Präsens Aktiv fehlinterpretiert; daraus ergibt sich dann die Fehldeutung, das Mineralwasser würde dem Körper „Eisen entziehen“. 
Das korrekte Partizip Präsens Aktiv des Verbs "enteisenen" würde allerdings „enteisenend“ heißen, so wie "enteisend" das Partizip Präsens Aktiv des Verbs "enteisen" ist (eine Scheibe enteisen).
Das Partizip Perfekt des Verbs "enteisenen" (Eisen entziehen), also "einteisent", bedeutet nichts anderes, als dass dem Mineralwasser das Eisen entzogen wurde.

vgl. auch "enteisen" (Eis entfernen), "enteisend", "enteist"




Hermien:
 "Der Säzzer"  ;-) Die guten Taz-Zeiten. Und ja, man traf sich wirklich überall. Ich weiß noch, dass Jürgen (...) und ich Michael (...) mitten in Athen trafen. Danke für die nostalgischen Gefühle!

Susanne:
Lieber Stefan, ein toller Beitrag, hab mich grad kaputt gelacht, köstlich

Birgit:
Juchu! Wieder ein schöner Text zum Tag versüßen!


Stefan:
Vielen Dank für die netten Feedbacks - und natürlich Dank an den aufmerksamen Säzzer :-)

Sonntag, 5. April 2015

Zwei Ostereier (eBooks)

Zu Ostern gibt es 2 Ostereier, nämlich 2 eBooks zum Lesen und/oder Download.

  1. Die Geschichte des Juzet

    Die gesamte Geschichte des Juzet mit allen Dokumenten in einem 222-seitigen pdf mit aktiven Links

    Druckformat A5
    222 Seiten
    Größe ca. 50 MB
    >>> Ansehen/Download
     
  2. Beiträge und Seiten

    Alle Beiträge und Inhaltsseiten des Juzet-Blogs in einem 187 225-seitigen pdf in chronologischer Reihenfolge und mit aktiven Links

    Druckformat A4
    187 225 Seiten
    Dateigröße ca. 10 MB
    >>> Ansehen/Download

Da ja noch einige Beiträge erscheinen werden, ist dieser Link hier  nur der Stand vom 8.April 2015 nicht immer auf dem aktuellsten Stand. Weitere noch erscheinende Beiträge werden sukzessive angefügt. Die jeweils aktuellsten Versionen der eBooks finden sich rechts im Download-Bereich.


Samstag, 4. April 2015

Jugendzentrum vs. Disco (Gastbeitrag von Stefan)

Stefans Erinnerungsflash hält an und bringt ein ganz heißes Thema hervor ;-) Besten Dank, Stefan!

Ah, ah, ah, ah, stayin' alive, stayin' alive!

Ende 1977 sorgte dieses trotzige, von stampfenden Beats unterlegte, in hohem Falsett gesungene
Statement, sich nicht unterkriegen zu lassen  - nicht vom Moloch New York, nicht vom tristen Brooklyner Arbeiterklassedasein -  , sondern besser der prallen Hier-und-jetzt-Lebenslust, genauer: dem Hedonismus im tanzenden Licht der sich allsamstagnächtlich drehenden Glitzerkugel zu frönen, zu einem Comeback der musikalischen Brüder BeeGees, die Jahre zuvor mit eher sanft-opulenten Balladen („Massachusetts“) weltweite Charts-Erfolge einheimsten, danach aber einige Zeit kommerzielle Pause hatten.

Die Single-Auskoppelung „Stayin` Alive (Veröffentlichung: 13. Dezember 1977) aus dem Soundtrack des Kinofilms „Saturday Night Fever“ (mit John Travolta in der Hauptrolle, >>> Trailer) schoß in den weltweiten Musikverkaufscharts durch die Decke und sorgte gemeinsam mit dem (Kinokassen zur Geldmaschine machenden) Film für eine globale Discowelle, die vor Deutschland nicht halt machte, auch wenn sie hier etwas verzögert ankam: Der Filmstart in „diesem unserem Lande“ (so, in anderem Zusammenhang, der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl) war erst am 13. April 1978.

Somit verließ die Disco-Bewegung ihr subkulturelles Biotop, nämlich die New Yorker Schwulen- und Lesbenszene, und wurde zum Pop-Mainstream, was zur Folge hatte, dass sich auch so mancher bundesrepublikanische Jüngling die akkurat geschnittenen Haare mit Gel frisierte, sich in einen weißen Anzug warf und (wie John Travolta als Tony Manero im Film) die Tanzflächen der Diskotheken untertan machte.

In der Bayreuther Tanzschule Strömsdörfer („Strömi“) wurde Disco-Fox gelehrt. Im Offenen Jugendzentrum wurde Disco gehasst.

Als damals ein Freund von mir in provokativer Absicht grinsend die oben erwähnte Schallplatte mit den (übrigens nur halb ironischen) Worten, dies sei echt gute Musik, auflegte, brach bei den Anwesenden ein Sturm der Entrüstung los und die Platte auseinander (letzteres kann ich nicht verbürgen, aber dieser Satz klingt einfach zu gut).

www.imdb.com/...
Das John-Travolta-Lookalike-Volk und die zugehörige Musik galten bei uns Jugendzentrikern als wahlweise dumm, bescheuert oder einfach nur blöd. Einige vermuteten auch den bösen (US-) Kapitalismus dahinter, der die Jugend mit oberflächlichem Discovergnügen vom Reflektieren über die wahren eigenen Bedürfnisse abhielt und somit revolutionären Geist im Keim erstickte.

Dass sich auch Frank Zappa in seiner Musik über Disco lustig machte („Dancin` Fool) war nur eine von vielen Bestätigungen unserer Haltung, und dass man, wenn man ab und an eine Stippvisite in der Höhle des Löwen, nämlich in der Diskothek „Max 30“ machte, von Disco-Typen wegen der langen Haare aggressiv angemacht wurde, eine weitere.

Im Gegenzug wurde einem Jugendlichen aus der Disco-Szene, der sich ins Offene Jugendzentrum verirrt hatte, durch eisige Ablehnung schon mal klar gemacht, dass die Definition von „offen“ im Jugendzentrum eine ganz spezielle war. Die Discokultur wurde von uns einfach nicht als solche anerkannt. Wenn auch niemand so weit ging wie die selbsternannten Retter der Rockmusik, die (aufgehetzt von Rock-Radio-DJs) 1979 unter dem Motto „Disco sucks!“ in Chicago öffentlich Disco-Schallplatten verbrannten. Das Verbrennen von Kulturgut hat sich in Deutschland seit 1933 zum Glück bislang nicht wiederholt.

Aus heutiger Rückschau war das Verteufeln der Disco-Bewegung falsch und ignorant. Letzteres nicht nur angesichts des subkulturellen, Anti-(!)-Establishment-Hintergrunds von Disco, sondern auch bezüglich der musikalischen Vielfalt dieser Variante der Pop-Kultur und deren Einfluß auf andere Stilrichtungen.

Gegenwärtig wird ja dem Lebenswerk des mittlerweile 75-jährigen Giorgio Moroder gehuldigt, dem einstigen „Munic-Disco-Produzenten, unter anderem auf dem letztjährigen, preisgekrönten Album des Pop-Duos Daft Punk. Ganz zu Recht, finde ich.

Das Anti-Disco-Spielchen hat sich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre im Prinzip wiederholt, als die Verfechter „echter“ Rockmusik die entstehende Techno-Bewegung beschimpften: „Primitives Gestampfe!“ „Das soll Musik sein?“ Soll es nicht nur, ist es auch. Und zwar gute. Auf meinem iPod jedenfalls existieren unter anderem Techno/House/Electronic, Sex Pistols, Talking Heads, Neil Young, Frank Zappa, Ludwig van Beethoven u.v.m. einträchtig nebeneinander.

>>> Bee Gees Stayin` Alive
>>> Saturday Night Fever Trailer
>>> Tanzschule Strömsdörfer
>>> Frank Zappa Dancin` Fool
>>> Munic-Disco Giorgio Moroder Medley
>>> Daft Punk | Random Access Memories | The Collaborators: Giorgio Moroder
>>> Post 70er: Daft Punk Top Tracks




Stefan: 
Apropos Ludwig Van Beethoven (im letzten Satz des Textes erwähnt): Den gab es damals auch in der Disco-Version: Walter Murphy - A Fifth Of Beethoven.

Birgit:
Lieber Stefan! Ich hätte gerne eine tägliche Kolumne von dir - du schreibst so gut über unsere Vergangenheit, da wird man richtig süchtig!

Hermien:
Franz hat recht, Stefan! Schreib bitte weiter

Birgit:
Das liest sich wie Thomas Brussig für Westdeutsche... :0)

Stefan:
Vielen Dank! ;-)

Donnerstag, 2. April 2015

Die Grenze des Machbaren

Für meine Kinder unvorstellbar oder längst aus deren Erinnerung verschwunden, hat sie unser aller Leben in und um das Bayreuther Offene Jugendzentrum herum sehr direkt, aber auch sehr subtil beeinflusst: die Mauer, die Zonengrenze, die Staatsgrenze zur DDR (in BILD-Schreibweise: „DDR“), die deutsch-deutsche Grenze oder der anti-imperialistische Schutzwall – je nach Sichtweise. Irgendwie war die Grenze immer präsent, vor allem auch in unseren Köpfen, so oder so, nur in der Wetterkarte der Tagesschau, da gab es keine Grenze.

Zieht man einen Kreis um Bayreuth mit 50 km Radius, dann war damals fast die Hälfte seines Umfangs Grenze zum „Ostblock“. Zonenrandförderung war angesagt - und militärische Präsenz. Die GIs, die amerikanischen Soldaten der Christensen Barracks in Bindlach, waren normaler Teil des Bayreuther Nachtlebens. Manche Discotheken wurden regelmäßig von der recht martialisch aussehenden „Military Police“ (MP) kontrolliert.

Die Spitze des Schneebergs im Fichtelgebirge war militärisches Sperrgebiet, der ehemalige amerikanische Abhörturm ein weithin sichtbares Zeichen für den andauernden Kampf zweier politischer und militärischer Systeme.

Rudolphstein/Hirschberg, der schwer gesicherte Grenzübergang bei Hof, hässlich und unfreundlich, war der Startpunkt jeder öden, grauen 3-Stunden-Fahrt durch die DDR nach Berlin. Die Raststätten dazwischen waren skurrile deutsch-deutsche Treffpunkte, in denen man sich einen Broiler oder eine Soljanka einverleiben konnte zu aus westlicher Sicht merkwürdigen Preisen wie 2,14 M – wir kannten eher Preise wie 4,98 DM. Die Stimmung in diesen Raststätten, in denen die einen Deutschen neben den anderen Deutschen saßen, war surreal, die Intershops wie aus einer anderen Welt.

Diese unwirkliche Stimmung fiel erst von einem ab, nachdem man in Berlin den Grenzübergang Dreilinden/Drewitz hinter sich gebracht hatte. Das damals daraus für Berlin resultierende fast heimelige Insel- und Heile-Welt-Gefühl ist heute nicht mehr reproduzierbar.

Die Geschichte hat viele Hoffnungen von damals enttäuscht oder eines Besseren belehrt. Die Menschen wollten das System dort einfach nicht. Oder das System wollte die Menschen nicht. Oder das System konnte sich den Menschen nicht mehr schnell genug anpassen. Vielleicht war es auch einfach der Wunsch nach freier Bewegung und weniger Beobachtung. Auf jeden Fall hat es nicht funktioniert und ist vollends gescheitert.

Auch ein selbstverwaltetes, offenes Jugendzentrum hätte es „drüben“ so nicht geben können, das war einfach undenkbar. Hier war die deutsche-deutsche Grenze auch eine Grenze des Machbaren. Dieser exklusive Luxus war uns im Westen vorbehalten. Natürlich gab es das Juzet nicht geschenkt, es musste hart vom Verein, den Unterstützern und den Aktiven gegen viele Widerstände erkämpft und immer wieder verteidigt werden.

Aber dass es in Bayreuth möglich war, sich so einen wunderbaren, freien Abenteuerspielplatz demokratisch zu „erobern“, dafür darf man der Gesellschaft, der Stadt Bayreuth und ihrer Kommunalpolitik rückblickend auch einfach mal Danke sagen, oder? Und ohne den Widerstand der "konservativen Spießer" hätte es doch auch viel weniger Spaß gemacht ;-)


>>> US Army Installations - Grafenwöhr (u.a. die Christensen Barracks, Bindlach)

Dienstag, 31. März 2015

Das offizielle, vorläufige Programm der Juzet-Party

Nun steht es fest: das offizielle Programm der Juzet-Party am 2.Mai 2015 - so offiziell, dass es natürlich noch vorläufig ist ;-), eben wie wir es von den damaligen Veranstaltungen im Juzet kennen:

2.Mai 2015, 19:00 Schokofabrik, Gaußstrasse 6, 95448 Bayreuth

Programm

inoffizieller Teil:

Ab 15:00 Aufbau und Gestaltung der "Location" durch freiwillige Helferinnen und Helfer.
Bitte Kuchen mitbringen ;-)
Welche Materialien benötigt werden, wird noch bekannt gegeben.

offizieller Teil:

Ab 18:30 Einlass

19:00 offizieller Beginn
19:30 Eröffnung und Begrüßung, Grußworte
20:15 Eröffnung Buffet (parallel mit Möglichkeit für weitere individuelle Beiträge, falls gewünscht)
21:30 Bandauftritt (Band wird noch bekannt gegeben)
22:15 Verlosung der Preise der Tombola-Sponsoren

danach Übergang in die Disco

Eintritt: 7,-- 5,-- EUR 

Das Eintrittsticket ist zugleich das Los für die Verlosung
Vegetarisches Bio-Buffet ist im Eintrittspreis enthalten.
Getränke bitte an der Theke jeweils selbst bezahlen


Zusätzlich laden Spendenbüchsen "unaufdringlich" ein, das zu erwartende Minus zu verringern. Oder wie wäre es mit einem Platinum-Sponsoring und/oder einem Tombola-Sponsoring? 
>>> Hier geht es zur Sponsoren-Seite!


Und hier noch das bereits zugestellte Einladungsschreiben von Werner an Bayreuths Oberbürgermeisterin:

Einladung zur Revival Party des ehemaligen Offenen Jugendzentrums

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, 
am 2. Mai 2015 treffen sich die ehemaligen Aktiven, FreundInnen, BesucherInnen 41 Jahre nach der Eröffnung des Offenen Jugendzentrums zu einer RevivalParty in der Schoko. Es ist keine geschlossene, sondern eine offene Veranstaltung, ganz in der Tradition des Offenen Jugendzentrums. Dazu laden wir Sie herzlich ein. Wir bitten Sie auch um ein Grußwort.

Die Schoko haben wir bewußt als Veranstaltungsort gewählt. Sie setzt eine Tradition des kulturellen Wandels fort, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann. Aus gesellschaftlicher Sicht überfällig, wurde er durch die "68er" beschleunigt und in den siebziger Jahren in der ganzen Bundesrepublik verwirklicht. Mit ihrer Musik, ihrem Outfit, selbstbewußtem Auftreten gegenüber Autoritäten, mit Wohngemeinschaften und anderen ungewohnten Beziehungs- und Lebensformen schockierten die "Langhaarigen" die Republik. Letzten Endes aber haben sie in der Mehrheitsgesellschaft ihren Platz gefunden. So kam es, daß Deutschland spätestens bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 als weltoffenes, tolerantes und cooles Land von der Welt wahrgenommen wurde. In Bayreuth war das Offene Jugendzentrum ein unbequemer, aber wichtiger Kristallisationspunkt dieses kulturellen Wandels.

Wir sehen unser Treffen deshalb nicht als nostalgische Rückschau, sondern als Anlass, sich an diese Jahre des optimistischen und beschleunigten Kulturwandels zu erinnern. Es soll auch ein klein wenig dazu beitragen, daß Deutschland cool bleibt. 

Wir würden uns freuen, wenn Sie das mit Ihrem Kommen unterstützen.

Zeit im Bild
Eine Foto-Interpretation in 12 Schritten
(Gastbeitrag Stefan)

Noch ein schöner Gastbeitrag von Stefan - da hat die geplante Juzet-Party wohl eine Zeitreise ausgelöst :-)

Fotografie ist das Einfrieren von Zeit.

Wenn man den vorliegenden Schnappschuss eingehend betrachtet, zeigt er mehr als nur einen zigaretterauchenden (*), fröhlich-aufmüpfig wirkenden Junghippie.
Es ist vielmehr eine, wenn nicht komplette, so doch umfangreiche Ablichtung von 1970er-Jahre-Jugendzentrums-Lifestyle (wenn auch nicht im Jugendzentrum selbst aufgenommen, sondern zuhause in meiner eigenen Teenage-Bude im elterlichen Haus).



(Die folgende Aufzählung bezieht sich auf die grünen Zahlenmarkierungen im Foto.)

  1. Die Orangenkiste, auch allgemein Obstkiste genannt: Damals bekamen Lebensmittelgeschäfte und Supermärkte ihr Obst in Sperrholzkisten geliefert, die sich dann leer, ungenutzt, wegwerfbereit vor den Hintereingängen und Anlieferzonen der Läden stapelten. Diese Kisten, die eine genormte Einheitsgröße und  -form hatten, durfte man sich mitnehmen (ganz legal, wenn man vorher brav gefragt hat)  -  und das taten wir damals auch. Auf meinem Foto unten links bildet so eine Obstkiste die Abstellmöglichkeit für den Schallplattenspieler, man konnte auch Regale damit bauen, die Kisten anmalen, roh lassen, oder mit samtenen Decken dekorieren, etwa um darauf das Teeservice abzustellen. In so eine Obstkiste passten auch perfekt Langspielplatten, durch die man dann bequem blättern konnte.
  2. Der Schallplattenspieler (bzw. die Stereoanlage mit Schallplattenspieler) war das wichtigste Stück Technik in unserer an sich eher technikkritischen Jugend. Möglichst teuer und gut, am besten aus japanischer Produktion (die 1970er Jahre waren die Zeit des Aufstiegs von Sony & Co. und des Niedergangs von Grundig & Co.). Mein Plattenspieler war allerdings von Elac, kein übles Gerät, angeschlossen an eine Stereo-Anlage der Quelle-Hausmarke Universum, die war allerdings ein ziemlich übles Gerät.
  3. Schallplatten im Regal: Ich erkenne auf dem Foto den Rücken der Platte „Déjà Vu“ von Crosby, Stills, Nash & Young.
  4. Musikkassetten: Überspielte Musik von geliehenen Platten und aus dem Radio („Club 16“, Soundfile von 1976, hier ).
  5. Poster an der Wand: In diesem Fall eine künstlerisch schräg aufgehängte Fotografie des „United Jazz- & Rock-Ensembles“, dessen Platten (so weit ich mich entsinne) exklusiv bei Zweitausendeins vertrieben wurden. Zweitausendeins war wichtig und angesagt. So eine Art (analoges) Amazon in der politisch korrekten Version.
  6. Zeugs an der Wand: In diesem Fall Rummelplatzpfauenfedern. Egal, Hauptsache Zeugs.
  7. Karl-May-Bände, die ich erst wenige Jahre vor Entstehen des Fotos verschlungen habe. Zum Zeitpunkt der Aufnahme stand ich eher auf Karl Marx.
  8. Grauenvolle 1970er-Jahre-Tapeten-Muster, typisch für Jugendzimmer in dieser Zeit. Im Offenen Jugendzentrum und in WGs wurden Wände eigenhändig bemalt.
  9. Snoopy-Poster: Snoopy und die anderen Personen aus dem Charlie-Brown-Cartoon-Universum des US-Zeichners Charles M. Schulz überdauerten die Kindheit und waren auch bei älteren Teenager noch sehr beliebt.
  10. Flicken auf den Jeans, möglichst viele, im meinem Fall ein herzförmiger Aufbügelflicken. Der Albtraum der Elterngeneration („So läufst Du mir nicht herum!“ Doch, tat ich.)
  11. Zigarettenrauchen, möglichst selbstgedrehte Glimmstengel. Falls ausnahmsweise doch fertige Zigaretten, dann am besten französische Gauloises oder andere nichtamerikanische Kippen.
  12. Haare, Haare, Haare. Möglichst viel davon und lang („wuschelig“ war auch kein Nachteil). Neben Flickenjeans der zweite Albtraum der Eltern („So läufst Du mir nicht herum!“  Doch, tat ich.)

>>> Blogartikel: Unverzichtbarer Lebensgefährte: der Plattenspieler
>>> Blogartikel: Kassettenrekorder töten Musik - Home Taping Is Killing Music
>>> Blogartikel: Der blaue Dunst & die Selbstgedrehte 

(*) Nachtrag:
Ein promovierter Germanist im JuZet-Blog-Mail-Verteiler hat darauf aufmerksam gemacht, dass es "einen zigaretterauchenden ... Junghippie" heißen muss und nicht "einen Zigarette rauchenden ... Junghippie". Auch die von ihm zu Rate gezogenen Kollegen an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und die Duden-Sprachberatung haben das bestätigt! Danke und Wow! Der Fehler wurde natürlich korrigiert.

Sprache und Grammatik sind unglaublich faszinierende kulturelle Leistungen. Und es sind gerade diese scheinbar haarspalterischen Grammatikfehler, die, wenn man sich etwas intensiver mit ihnen auseinandersetzt, einem die großartige Komplexität von Sprache verdeutlichen können:

vgl. Duden Regel 47: Verben können mit [verblassten] Substantiven sogenannte trennbare oder unfeste Zusammensetzungen bilden, die nur im Infinitiv, in den beiden Partizipien sowie bei Endstellung im Nebensatz zusammengeschrieben werden <§ 34 (1‒3) und E3 (1)>


In unserem Fall ist "Zigarette" ein verblassendes Substantiv, weil es im Zusammenhang mit "rauchen" verblasst und seine Eigenständigkeit verliert. Was soll man auch anderes rauchen als eine "Zigarette" (Ein Schelm, der Böses dabei denkt..., aber das ist ein anderes Thema). In dem betreffenden Satz hätte also auch "rauchender Junghippie" allein genügt. Die "Zigarette" ist hier nur eine nicht notwendige verbale Ausschmückung, als Substantiv verblasst sie.

Anders ist das z.B. beim "Schlittschuh laufen", hier verblasst das Substantiv "Schlittschuh" nicht, da er das sehr allgemeine Verb "laufen" sehr deutlich präzisiert und es damit seine wichtige Eigenständigkeit behält. Denn ohne den "Schlittschuh" könnte ein Satz mit "Schlittschuh laufen" seinen Sinn und seine Eindeutigkeit verlieren.

Zu klären wäre jetzt nur noch, ob es diese Regel schon in den 70er Jahren gab, oder ob diese erst im Rahmen einer späteren Rechtschreibreform eingeführt wurde. Es bleibt also immer noch denkbar, dass der "zigaretterauchende Junghippie" damals tatsächlich ein "Zigarette rauchender Junghippie" war. 

Ich hoffe sehr, dass diese nun tatsächlich interessante Frage noch geklärt werden kann.

Montag, 30. März 2015

Blick von heute, zurück nach vorne
(Gastbeitrag von Martin)

(Gestern Abend kam dieser Gastbeitrag von Martin. Ein Text, der nachdenklich macht, der Reflektionen auslöst. Lesenswert! Danke, Martin.)

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...damals um 1980


Neudorf, 29. März 2015. Natürlich waren wir toll. Wir waren jung und waren voll der Überzeugung, alles Gesehene und Erlebte entdecken wir augenblicklich jetzt das erste Mal. Die Alten waren eigentlich schon immer alt und hatten die Welt bisher sowieso nicht entdecken können, weil eben schon immer alt. Dabei hätten wir das auch alles besser wissen können, denn die meisten von uns kamen ja doch von einigermaßen behüteten Elternhäusern, in denen Bildung einen durchaus hohen Stellenwert hatte. Zudem war mein Elternhaus politisch gesehen - wie man früher sagte - progressiv und systemkritisch. Aber wie jede Generation muss man sich davon ja erst einmal emanzipieren. 

Das Offene Jugendzentrum mit seiner besonderen Mischung aus ganz verschiedenen Persönlichkeiten und Charakteren war für mich ein Mosaikstein, das mir neue Türen öffnete und Kompetenzen erwerben ließ, von denen ich auch heute noch profitiere.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das erste Mal ins Offene Jugendzentrum gekommen bin. (Gleichwohl weiß ich noch, was ich für ein Hemd damals anhatte. Rosa war es und damals ging das gar nicht.) Es war wohl 1977 oder 1978 kurz nach meiner Konfirmation zumindest. Das weiß ich deshalb noch relativ genau, weil ich am 2. April 1977 beschlossen hatte, das letzte Mal beim Friseur gewesen zu sein. Hintergrund dieser Entscheidung war, dass ich auf meinem Heimweg vom Graf Münster Gymnasium nach Hause in die Wilhelminenstraße im Hofgarten einen Kerl mit langen Haaren gesehen hatte und ... wow... so wollte ich auch aussehen. Bis 2006 sah mich auch kein Friseursalon. Dazwischen durften nur ganz ausgewählte Menschen an meine Haare.

Und wir Jugendlichen kamen da ja hin, weil wir andere treffen und uns fern ab der Erwachsenen eine eigene Lebenswelt ohne Vorschriften und ergebnisoffen entwickeln wollten. Das einte uns. Mit uns sind neben meinen Brüdern Hans-Jürgen, Reinhard und Georg auch Martin, Wuschel, Heike, Rolf, Kötschi, Josef, Markus, Martina, Bille, Franzi, Theo, Engerling, Karin, Johanna, Rudi, Bärbel, Ulrike und Bettina  etc. und die wichtigen über eine ganze Lebensspanne reichenden Freundschaften mit Angela, Ines, Kriemhild, Harry und Uwe gemeint.  Dass es einen Verein gab, der auch von Erwachsenen geführt werden musste, wurde mir erst später klar als ich bei Harry Imhof in der EIBA meinen Zivildienst ableistete. Dieser spielte aber für uns Jugendliche der zweiten Generation eine eher untergeordnete Rolle.

Kaum im Jugendzentrum übertrug man mir auch schnell die Position eines Jugendrates. Dieser traf sich – wie ich meine jeden Donnerstag – öffentlich. Der Beginn der Erfahrung mit ellenlangen Diskussionen. Dass Bayreuth damals doch sehr klein war, war nicht nur ablesbar in der Kneipenstruktur: Man ging abends vom Pritscherprackl, über den Holzwurm ins Monsieur und umgekehrt, eben bis man die Leute getroffen hat, die man treffen wollte. Das klappte seltsamerweise auch ohne Handy. Was Politik anbelangte, trafen sich auch dieselben Leute in den wie Pilze aus dem Boden schießenden Bürgerinitiativen. Hier trafen wir auch auf die “älteren” und “alten” Bayreuther Ewald Naujoks, Gerd Michaelis, Rudi Waschke, Isolde und Oskar Brückner, Klaus Rettig, Harry Imhof etc. und den eigentlich auch “alten” Studierenden. Aus diesen BIs entstand in Bayreuth ein weitgefächertes politisches Leben, das alle damals wichtigen Themen im Sortiment hatte: Berufsverbot, Kriegsdienstverweigerung, Deutscher Herbst, Atomkraft (Brokdorf 1981), Nachrüstung und Friedensbewegung. Ein konkretes Projekt war die Gründung des Dritte Welt Vereins 1981 und in Folge die Eröffnung des Dritte Welt Ladens im Februar 1982. Gründungsmitglied durfte ich damals nicht sein, da ich noch keine 18 war. Zwischenzeitlich hatte ich mich auch in der WIR Redaktion getummelt.

Ja, wir hatten auch mit Vorurteilen und massiven Kritiken - wie das Werner auch beschrieben hat - zu kämpfen. "Geht doch nach drüben", war noch eine der netteren Redewendungen. Von der Enge unseres damaligen Gegenübers will ich eigentlich weniger schreiben, das haben wir ja zur Genüge in Sprache, Wort und Bild gebracht. Was für mich aus heutiger Sicht viel bemerkenswerter war, ist, dass wir Jugendliche relativ schnell ein ziemlich geschlossenes Weltbild entwickelten: Alle politischen Probleme hingen miteinander schön und einfach monokausal zusammen. Verschwörungtheorien waren schick und bestimmten das Denken.  Umso erstaunlicher war es, dass ein Teil von uns genau das vehement (und mit Recht) der örtlichen Gruppe Luther und deren Sektiererei vorgeworfen hat.

Dieses geschlossene Weltbild, Kennzeichen von vielen politisch früh Sozialisierten, beginnt bei mir aber schon früh zu bröckeln. Dazu drei Beispiele:

  1. Wer über Pershing II redete, durfte nur unter Murren auch die SS 20 thematisieren. Das wurde einem schon relativ früh versucht einzureden nicht nur von jugendlichen Funktionären von SDAJ und DKP sondern auch von den Friedensbewegten um die DFGVK bis hin zu VertreterInnen der Kirchen. Das klappte aber in der Generation von mir nur noch bedingt, weil wir die Freiheiten, die andere schon für uns erkämpft hatten, uns wie selbstverständlich nahmen und unseren Mund diesbezüglich eben nicht hielten. Gleichwohl waren wir trotzdem blind gegenüber das Ausmaß an politischer Infiltration, die die SED über IMs, SDAJ und DKP ideell und finanziell einnahmen. Das haben wir erst nach 1990 aufarbeiten können... wenn wir wollten. 
  2. Die Pädophilie-Debatte der Grünen im Jahr 2013 haben wir schon früher vorweggenommen. Wir Jugendlichen wussten was bei den Stadtindianern in Nürberg abgelaufen ist. Die sich dem gegenüber stark genug fühlten, fuhren zu ihnen, um sich über sie lustig zu machen. Die, die das nicht sehr witzig fanden wie ich, mieden diese Kreise. Selbstkritisch müssen wir zugeben, dass es uns in der Auswahl von Bündnispartnern reichte, dass uns das "Anti", das "Dagegen sein" einte.    
  3. Iranische Revolution: Jeden Widerspruch und jedes Aufbegehren gegen Obrigkeit fanden wir per se gut und unterstützenswert. Wir waren glühende Verfechter jeder revolutionären Strömung und liefen allen hinterher... bis wir die Erfahrungen mit der iranischen Revolution gemacht haben, die mich zumindest eines Besseren belehrte. Danach war für mich nichts mehr wie zuvor. Der jugendliche Charme von Revolutionen und Che Guevara Kultbilder sind einem differenzierteren Weltbild gewichen, in dessen Fokus die Handlungsspielräume von Menschen stehen und nicht eine überschwängliche Parteinahme für die eine oder andere Seite.  

Da wir nahezu die Weltformel dechiffriert hatten, hatten uns natürlich auch andere Themen in Anspruch genommen, die weiterentwickelt für mich heute immer noch Bestand haben:

  1. Berufsverbot - Rechtsstaat - Wertebildung
    Unsere damalige Kritik war richtig, aber anders richtig als ich es damals gesehen hatte. Wir fanden es früher bodenlos skandalös, dass Menschen mit einer für uns wahren Wertewelt und Gesinnung die Ausübung ihres Berufs verwehrt wurde und im Gegensatz dazu rechte bis faschistoide Gesinnung hoffähig war. Dies ist - wenn man die NSU Geschichte ansieht – leider heute noch so, dass unser Rechtsstaat mindestens auf dem einen Auge blind ist. Heute geht es mir aber nicht mehr darum, dass wir denjenigen, die allein unserer Meinung sind, ein Recht zur Meinungsausübung und politischer Handlung einräumen, sondern allen, die sich mit dem Grundgesetz vereinen lassen. Das heißt eben, dass ich mit Freiheit auch immer die Freiheit des Andersdenkenden meine. Im Extrem: Auch wenn ich die AfD oder Pegida nicht so richtig großartig finde, haben sie ein Recht auf Meinungsäußerung. Das ist ein hohes Recht, das nicht selbstverständlich ist und für das auch gestritten werden muss.
  2. Asylpolitik
    Die Geschichte der AsylbewerberInnen hat sich seit den 70er Jahren grundsätzlich verändert. Hatten die Verfassungsväter- und mütter nach ' 45 eher den individuell politisch Verfolgten im Auge, haben sich die globalen und vorwiegend regionalen Migrationsströme in den letzten 40 Jahren dergestalt verändert, dass es heute keinen Sinn macht zwischen politisch, wirtschaftlich, kulturell und umweltbedingt motivierter Flucht zu unterscheiden. Dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, war richtig. Früher habe ich mich darin weniger engagiert, da dies ja meine Mutter engagiert, parteiisch und beherzt besetzt hat: In meinem Elternhaus lernte ich Menschen aller Kontinente und selbst Situationen kennen, in denen heillos zerstrittene Kriegsparteien bei uns in der Küche saßen. Damals war das ehrlich gesagt oft auch zu viel, denn unter den Flüchtlingen  gab es ja nicht nur per se Sympathische sondern eben auch Menschen, die nicht nur ganz anderer Meinung waren sondern einfach auch nur ätzend waren.

    Auch hier geht es um das Recht eines Verfolgten und nicht darum, dass wir das Anliegen von Flucht suchender Menschen für eigene Zwecke zu instrumentalisieren versuchen. Gleichzeitig ist es für mich heute aber auch wichtig, klar zu stellen, was die Grundfesten unserer Demokratie sind, die – wer auch immer nach Deutschland kommt - nicht zur Disposition stehen. Da sind wir, gemeint das rotgrüne Spektrum,  heutzutage doch leider eher sehr zurückhaltend bis feige.
  3. Atomkraft
    Da lagen wir mit unserer Kritik zu 100-ig richtig. Es hat lange gedauert, bis es geschafft wurde, dies auch im politischen Establishment durchzukämpfen: Tschernobyl hat nicht gereicht, Fukushima musste auch noch kommen. Bitterer Witz  der Geschichte ist es, dass diejenigen, die schon frühzeitig gegen Atomenergie waren, sich nun verantwortlich für den strahlenden Müll zeigen, während die Unionsländer sich dieser Diskussion kategorisch verweigern. Richtig ist weiterhin und noch lange nicht durchgeboxt, dass Bezugspunkt unseres Lebens nicht rein quantitatives Wachstum sondern Lebensqualität und Glück sein sollte.  Problematisch in der ganzen Nachhaltigkeitsdebatte ist es, dass wir in Deutschland vorwiegend die eigene Insellösung suchen.  

Was ist geblieben?

Man kann sich ja nicht aussuchen, wo man das Licht der Welt erblickt. Mein Blick zurück sagt mir, ich habe das bei all den Ambivalenzen des Lebens ganz gut getroffen. Gleichwohl bin ich mir bewusst, es hätte auch ganz anders sein können. Es ist ein völlig unverschuldetes Glück und Privileg hier geboren zu sein statt in einer anderen Zeit oder in einem anderen Erdteil. Und dieses Privileg verpflichtet mich noch heute, Dinge politisch hier so zu gestalten, dass Menschen auch in anderen Ländern und Regionen optional so leben können wie wir hier. Dabei glaube ich nicht mehr an große Revolutionen, sondern an die Kraft der kleinen Schritte, der Menschlichkeit und dem Empowerment von Menschen.

Wenn man so will, bin ich politisch auch in meiner "Berufskarriere" geblieben. Nach dem Nato-Doppelbeschluss habe ich entschieden, Distanz zu meiner frühen politischen Sozialisation zu finden, diese zu reflektieren und dann schauen, was ich damit mache. Nachdem ich Politik, Soziologie und Psychologie in Berlin und Kiel studiert habe, habe ich mich der Entwicklungspolitik zugewandt. Hier arbeite ich seit knapp 2 Jahrzehnten in verschiedenen Programmen und Projekten im entwicklungspolitischen Landesnetzwerk Bündnis Eine Welt in Schleswig-Holstein und der Arbeitsgemeinschaft der Eine Welt Landesnetzwerke in Deutschland.

Politisch sozialisierte ich mich ziemlich früh. Aus heutiger Sicht gesehen eigentlich zu früh, denn vieles konnte man noch nicht wirklich einordnen und das öffnet Tor und Tür dafür, dass man sich instrumentalisieren lässt. Das ließ und lasse ich sowohl bei meinen jetzt großen Kindern als auch in meiner pädagogischen Tätigkeit. Hier geht es mir eher darum, Räume zu öffnen, die die Beteiligten ressourcenorientiert und ergebnisoffen gestalten können. Die Erfahrungen meiner frühen politischen Sozialisation haben mich hingegen gelehrt, Distanz zu halten gegen jeglicher Besserwisserei, gegen Heilslehren jeglicher Couleur und gegen die Selbstgerechtigkeit selbsternannter Gutmenschen. Denn meine Erfahrung mit mir sagt mir: Martin, du hast nicht die Weisheit gefressen und bist Alles, aber nicht Besser als andere. Der eigenen Ambivalenz bewusst, fällt mir den Umgang mit Anderen und vor allem Andersdenkenden doch entspannt gnädiger. Das heißt nicht, dass man in seinen politischen Positionen Klarheit verliert. Richtschnur meiner politischen Positionen ist dabei schlicht Menschlichkeit.    
... und heute

So long.
Martin


>>> Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein
>>> Arbeitsgemeinschaft der Eine Welt Landesnetzwerke





Stefan:
Sehr schöner, zum Reflektieren einladender Text. Die monokausalen Welterklärungsschemata einiger (ich war da auch nicht unschuldig) im JuZet hatten tatsächlich (vor allem aus heutiger Rückschau) etwas Verschwörungstheorieartiges.

Sonntag, 29. März 2015

Der blaue Dunst & die Selbstgedrehte (Gastbeitrag Stefan)

Ein weiterer Gastbeitrag von Stefan. Vielen Dank!

1996 habe ich mit dem Rauchen aufgehört (ist jetzt auch schon wieder 19 Jahre her, Himmel!).
2000 habe ich dann den Hamburg-Marathon erfolgreich absolviert. Ich weiß, das tut nichts zur Sache und ist vor allem die volle Angeberei. Aber wozu quäle ich mich über 42 Kilometer, wenn ich damit nicht angeben darf?

Zurück zu 1996: Zu diesem Zeitpunkt hatte ich etwa 20 Jahre lang geraucht, zuletzt Filter-Light-Zigaretten einer Marke, die in ihren Werbebotschaften eine gewisse Affinität zu Cowboys durchblicken ließ.

In meiner Jugendzentrums-Hoch-Zeit, also um 1978, wäre ich, wie die Mehrzahl der den Hauptraum im Erdgeschoß zuqualmenden JuZet-Besucher, nie (zumindest höchst selten) auf die Idee gekommen, mir eine spießige (und teure) Filterfluppe ins Gesicht zu stecken. Nein, Eigenproduktion, sprich: Selbstdrehen war angesagt. Am besten lässig im Stehen, in einer hochkomplizierten, aber flüssig, wie im Schlaf ablaufenden Artistik der Hände und Finger, die gleichzeitig den Tabaksbeutel halten, das kleine, irgendwo im duftenden Tabak vergrabene Zigarettenpapier-Päckchen herausfischen, ein „Paper“ entnehmen, die zugehörige, dazu genau passende Menge Tabak auf das Papierchen legen, rollen, den
gummierten Streifen kurz an die Zungenspitze zum Anlecken führen, zukleben, zuletzt an beiden Enden der gerade entstandenen Kippe den überflüssigen Tabak abzupfen und zurück in den Beutel geben.

Anzünden, rauchen. Ab und zu (typische Handbewegung) einen losen Tabakskrümel von der Lippe, von der Zunge, aus dem Mund entfernen. Aus irgendwelchen geheimnisvollen Gründen ging ständig das Zigarettenpapier zur Neige, der Tabak eigentlich nie. „Ey, hast Du mal ´n Paper für mich?“ Irgendjemand hatte immer.

Was die Art und Marke des Zigarettentabaks betraf, gab es im Jugendzentrum verschiedene Fraktionen, drei im Prinzip:

  • Da waren die ganz Harten, die sich unerbittlich „Schwarzer Krauser“ reinzogen, aus meiner Sicht ein fürchterliches Kraut, das mutmaßlich den Weltrekord an Nikotin- und Teermenge hält, gleichwohl sehr beliebt war, allerdings fast nur beim männlichen Teil der Jugendzentrumsbesatzung.
  • Die zweite Gruppe, zu der ich gehörte, waren die „Halfzware“-Leute, die Konsumenten niederländischer Tabaksorten. Die waren geschmackvoller, runder irgendwie  -  und vor allem nicht so stark wie „der Krauser“ (wenn auch immer noch x-mal so stark wie eine herkömmliche Filterfertigzigarette). Zuerst hatte ich „Bison“ geraucht (der mit der Packung im Jeans-Design), später dann fast nur noch „Van Nelle Halfzware“.

  • Die dritte Gruppe war die, die sich nicht festgelegt hatte. Mal Krauser, mal Van Nelle, mal irgendetwas anderes, es gab ja unzählige Selbstdrehtabake auf dem Markt.

Welcher Tabak auch immer, die Luft im Erdgeschoßraum des Offenen Jugendzentrums Bayreuth war zumeist von zigarettenrauchgetränkter, nebelartiger Konsistenz.

Was ich heute nicht aushalten würde (ich bin für das uneingeschränkte Rauchverbot in Kneipen sehr, sehr dankbar), war damals anders nicht vorstellbar.

Halt, stopp, war es doch:
In der Teestube im Jugendzentrumsobergeschoß wurde nicht geraucht.


Nachtrag Mail (29.3.2015 Mitternacht):
Zwei Fotos des Autors zum Thema ;-)



Noch ein Nachtrag des Autors (30.03.2015):
Auf dem Foto, das mich beim Selbstdrehen zeigt, meinte Christian ein Päckchen „Schwarzer Krauser“ zu sehen (was ja dem widerspricht, was in meinem Text über meine favorisierten Tabaksorten steht). Auch ich hatte zuerst diesen Eindruck. Beim Hereinzoomen in das nicht besonders gut aufgelöste (einfache Agfa-Kamera aus den frühen Siebzigern mit Filmkompaktkassetten und quadratischem Filmformat) und durch das Scannen zusätzlich verpixelte Foto sehe ich allerdings schemenhaft einen Bison auf dem Tabaksbeutel.
„Bison“ hatte also doch kein Jeansdesign, wie ich in meiner Selbstdreh-Rückschau behauptet habe, die jeansartigen Päckchen waren einen andere Marke, die ich, da bin ich sicher, auch geraucht habe.

Nachtrag Christian (30.03.2015):
Stimmt, es ist Bison ;-)


PS: Die Fotos der Tabakpackungen sind nicht als Werbung gedacht, sondern bilden in diesem Fall "historische Objekte" ab.

>>> zu Nikotin und anderen Drogen siehe den Blog-Beitrag "Drogen - verzerrte Wahrnehmung"



Hermien:
Schwarzer Krauser erkenne ich noch heute aus zig Tabaksorten

Samstag, 28. März 2015

Die Software-Zeit
(Rendezvous mit der Realität)

Ein kleiner Satz in Stefans Gastbeitrag machte mich hellhörig "1976 wurde übrigens auch Apple gegründet..." und nach ein wenig Suchen wurde schnell klar: während der Juzet-Zeit 1974 bis 1982 wurden die wichtigsten derjenigen Softwarefirmen gegründet, die heute die Welt in einem damals unvorstellbaren, unglaublichen Maße prägen, und mit deren Produkten und Dienstleistungen jeder einzelne von uns täglich tausende, wenn nicht zehntausende Male direkt oder indirekt in Berührung kommt. Und die Grundlagen und Entwicklungen dieser Firmen haben wiederum erst den Boden bereitet für Google, Facebook, Twitter, ebay, Amazon, SalesForce, ...

Zwei der damals gegründeten IT-Firmen, Apple und Microsoft, liegen heute an Platz 1 und 2 der wertvollsten Firmen weltweit und zwei der Gründer, Bill Gates und Larry Ellison, haben es auf die Plätze 1 und 4 der reichsten Menschen dieser verrückten Welt geschafft.


 Gründungsjahr 
Ranking
 Marktkapitalisierung 
Firmenwert
Ranking
 Softwarehersteller 
Ranking
Reichste
 Menschen 
Apple
1976
1
Microsoft
1975
2
1
1. Bill Gates
Oracle
1977
2
4. Larry Ellison
SAP
1972
4
Symantec
1982
5
EMC
1979
6
CA Technologies
1976
9

Immerhin hat auch eine europäische, deutsche Firma ihren Platz unter den Top 10 der Softwarehersteller gefunden: SAP.

Ob das volkswirtschaftlich jetzt so toll ist, dass praktisch alle Betriebssysteme (Computer, Handy), alle Suchmaschinen, alle Kaufplattformen, die meiste Unternehmenssoftware, die komplette Sicherheitssoftware, alle Cloudsysteme und Speichersysteme ... in den Händen der Wirtschaft eines Landes konzentriert sind, wage ich zu bezweifeln, ist aber auch nicht zu ändern, wenn dort der Erfinder- und Gründergeist offenbar ganz einfach weiter entwickelt ist oder besser gefördert wird.

 So, jetzt spricht mal der böse Kapitalist in mir ;-) 

(Meinung an)
Eigentlich müssten wir in Deutschland froh sein, dass es hier überhaupt noch so clevere Jungs wie die Samwer-Brüder (Rocket, Zalando, etc.) gibt, aber stattdessen verpassen die Medien den Samwer-Jungs systematisch ein skrupelloses Abzockerimage (siehe Beitrag von frontal21 im ZDF).

Als ob die Samwerbrüder sich, was Abzocke angeht, z.B. mit Apple messen könnten, die dank knallharter Produktionsoptimierung mit Roherträgen von z.T. über 50% arbeiten, ultra-geschickte, weltweite Steuervermeidungssysteme aufbauen, mit super-cleverem Marketing den Menschen offenbar mutierende Zwangskaufgene implementieren, und ohne jeden Widerstand unsererseits Nutzervereinbarungen durchbekommen, die zu Zeiten der Volkszählung 1983 vermutlich zu einem blutigen Volksaufstand geführt hätten.

Die Samwers sind keine Gutmenschen und wo gehobelt wird, da fallen Späne. Aber wollen wir den weltweiten Software- und Internetmarkt wirklich ganz allein einer Volkswirtschaft überlassen, indem wir die Pflänzchen unserer Volkswirtschaft gleich wieder niedertreten, oder wollen und brauchen wir nicht die erfolgreiche Teilnahme an einem weltweiten Wettbewerb (ich neige fast zu sagen: koste es, was es wolle)? Ich denke, die Tabelle oben führt zu einer ziemlich klaren Antwort.
(Meinung aus)

Aber wie ist diese Sichtweise mit manchen Idealen aus der Jugendzentrumszeit zu vereinbaren?
  Natürlich absolut überhaupt nicht! 

Doch um es mit Schäubles Worten ;-) zu sagen "Das Leben ist ein Rendezvous mit der Realität". Es ist nichts Schlechtes, Träume zu haben, und manche davon beerdigen zu müssen. Der Traum ist der Beginn jeder Veränderung. Aber nicht jeder Traum kann sich umsetzen lassen oder wird funktionieren und nicht jede Veränderung lässt sich realisieren. So haben wir, die Juzetler, seitdem sicher und leider manche unserer Träume aufgeben müssen.

 Wir müssen uns dafür aber keineswegs schämen! 

Denn der damalige Zeitgeist, an dem wir - zwar winzig, winzig klein - aber aktiv mitgearbeitet haben und beteiligt waren, hat viele wertvolle Spuren im kollektiven Bewusstsein hinterlassen und neue Ideen in die Gesellschaft gebracht.

Genau das sollten wir auf der Party feiern ;-) ... und niemals aufhören, weiterzuträumen!


>>> Ranking Firmenwert
>>> Ranking Softwarehersteller
>>> Ranking Reichste Menschen



Stefan:
Ich denke, ein wesentlicher Unterschied zwischen den jungen, sozialkritischen 1970er-Langhaarigen der USA und hierzulande war: In Deutschland führte die Krtitk an Überwachungsstaat/Großcomputer/Großindustrie zu einer ziemlich technik-, computerfeindlichen Haltung. In den USA sagten die jungen Leute: Bekämpft IBM/Computermonopolindustrie, gründet in eueren Garage eigene Computerfirmen, baut Computer für alle!

Stefan:
Als ich 2007 mein erstes iPhone vorführte, war die allg. Reaktion in etwa: "Was ist das schon wieder für ein Ami-Quatsch, den kein Mensch braucht? Was soll das eigentlich: ein Handy ohne Tastatur, das nur aus Bildschirm besteht, den man ständig mit seinen Fettfingern vollpatscht?" Manchmal geht mir diese deutsche Anti-Innovations-Dauermotzerei schon ziemlich aufs Gemächt.

Martin:
Es war ein langer Weg vom reinen problemorientierten zum lösungsorientierten Denken zu kommen. Die recht totalitäre Kombi von Peace and Love und Kapitalismus des Silicon Valley hat aber IBM etc. selbst nahezu zum kleinen Garagenbesitzer gemacht. Nicht das ich da jetzt das Heulen anfange...

Freitag, 27. März 2015

Das Jugendzentrum & die Magie der Schallplatte (Gastbeitrag von Stefan)

Via Facebook traf gestern dieser Gastbeitrag von Stefan ein! Vielen Dank, Stefan!

Letzthin ging mir ständig eine Melodie durch den Kopf, eher: ein Melodiefetzen, dazu ein Textfragment, ein Refrainteil, irgendwie (warum auch immer) herangeweht aus alter Zeit, Dekaden durcheilend schnurstracks in meinen Kopf gebeamt, sich dort festsetzend und den Wunsch auslösend, das gute Stück mal wieder anzuhören.

Irgendwo in meiner Musiksammlung habe ich den Song als Audiokonserve zur Verfügung, dachte ich mir, aber wo und vor allem in welcher (Speicher-) Form? Auf dem iPod, dem iPhone, dem Computer? Auf irgendeinem USB-Stick? Im Internet in einer meiner Musik-Clouds (iTunes, Amazon) oder im häuslichen Netz im NAS-Speicher der Fritz-Box? Auf einer CD? Auf einer der analogen Musikkassetten in dem alten verstaubten Pappkarton? Oder auf Schallplatte?
(Schallplatte, ihr wisst schon: Vinyl, schwarz, Rillen, analog. Knistern, Knacken, Prasseln aus den Lautsprechern der Stereoanlage nach dem Aufsetzen der Nadel des Plattenspieler-Tonarms.) Wo steckt nur der verdammte Ohrwurm?

Damals zu Jugendzentrumszeiten war die Tonträgerauswahl deutlich übersichtlicher. Schallplatte oder Kassette, etwas anderes war noch nicht erfunden.

Wobei das Hauptmedium, das Ding, das sich nicht nur drehte, sondern um das sich (fast) alles drehte, die Schallplatte war, die Kassette war eher eine Bandsalat produzierende Zweitlösung, wenn mal wieder das Taschengeld für all die LPs, die man so gerne gehabt hätte, nicht reichte und daher das Plattenausleihen von Freunden zum Zwecke des Musiküberspielens auf Magnetband die einzig gangbare Alternative war. (Ja, das hemmungslose Gratis-Kopieren von Musik existierte schon in analogen Prä-Internetzeiten.)

Im Jugendzentrum gab es zwei Plattenspieler, einen unten im Hauptraum, einen oben in der Teestube.

Als ich mit 15 anfing, ins Jugendzentrum zu gehen, betrat ich damit zugleich ein mir vorher gänzlich unbekanntes musikalisches Universum abseits des Hitparaden-Mainstreams, nämlich die Welt von Gentle Giant, Gong, Van der Graaf Generator, Yes♫ - um eine Kurzauswahl zu nennen.
(Dass in diesem Jahr 1977 an anderen Orten der Welt, in London etwa, die Punk-Revolution losbrach, die angetreten war, die „boring old farts“, die langweiligen alten Fürze, also etwa die Yes-hörenden Althippies hinwegzufegen, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht - ich hatte erst so um 1981 meine persönliche New-Wave-Revolution. 1976 wurde übrigens auch Apple gegründet, jene Computer-Firma also, die dann in den 2000er Jahren mit iPod & iTunes unser aller Art des Musikkonsumierens nachhaltig verändert hat. Der damals langhaarige, hippiemäßig aussehende Apple-Gründer Steve Jobs hat übrigens im Jahr 1974 als 19-Jähriger einen Indien-Trip gemacht.)

                           

Im JuZet traf ich 1977 auf Leute, die - teils so jung wie ich, teils ein wenig älter - über beeindruckende Schallplattensammlungen und umfangreiches Musikspezialwissen verfügten, letzteres zumeist gespeist aus der Hamburger Monatszeitschrift „Sounds“, die oft von irgendjemandem ins JuZet mitgebracht wurde und in deren Anzeigenteil man übrigens jene Plattenversender fand, die es überhaupt erst möglich gemacht hatten, an die gewünschten Tonträger zu kommen, per Post und Nachnahmesendung (die Bayreuther Plattenläden waren sortimentsmäßig öder Mainstream und kaum zu gebrauchen).

Ab und zu fand sich auch eine Kleingruppe von JuZetlern und ein „Lift“ nach Nürnberg zusammen, um dort dann eine Schallplatten-Shopping-Tour zu machen, durch besser sortierte und preisgünstigere Läden.

Am Schallplattenspieler im Erdgeschoßraum des Offenen Jugendzentrums stand meistens eine der oben erwähnten Plattensammler-Koryphäen, beschallte den Raum mit interessanter, abgefahrener, spannender Musik, über die viel geredet, oft heiß diskutiert wurde, ähnlich wie über Politik. Was manchmal auch das Gleiche war, ich sage nur: „Ton, Steine, Scherben“.


Übrigens:
Die Melodie, die mir neulich ständig durch den Kopf ging, war „Mystere dans le Brouillard“♫ von Liasons Dangereuses aus dem Jahre 1981 (also aus einer anderen, aus meiner Post-JuZet-Zeit), und, ja, ich habe das Album, auf dem dieses Stück ist, gefunden. Im Plattenregal. Vinyl, schwarze Scheibe, Knistern, wenn sich der Tonarm senkt.

---

>>> Unverzichtbarer Lebensgefährte: der Plattenspieler
>>> Kassettenrekorder töten Musik - Home taping is Killing Music
>>> Archiv der Zeitschrift Sounds
>>> Bilder von Nürnberg
>>> Bilder aus London, Punk 70er



Stefan:
Korrekturen und Ergänzungen zu meinem Gastbeitrag "Das Jugendzentrum & die Magie der Schallplatte" im Jugendzentrums-Blog:
Die Band heißt „Ton, Steine, Scherben“ und nicht „Ton, Steine und Scherben, also ohne „und“.
Apple wurde bereits 1976 gegründet u...Mehr anzeigen

Christian:
Danke, ist korrigiert  den Indien Hinweis über Steve Jobs ich noch in deinen Text eingefügt.

Stefan:
Vielen Dank (ich hätte gerne schon eher Dank gesagt, bin aber wg. "Wartungsarbeiten" einige Zeit lang nicht in Facebook reingekommen).

Christian:
Ist mir ein Vergnügen;-)

Donnerstag, 26. März 2015

Die Bleierne Zeit

http://www.dhm.de/...RAF.pdf
Über den Zeitgeist der Jahre 1974 bis 1982 kann man nicht berichten, ohne auf die „Bleierne Zeit“ einzugehen.

Als die Studentenbewegung der 68er losging und ihren Höhepunkt hatte, und als sich die RAF bildete, da waren wir, die späteren Besucher des Offenen Jugendzentrums, noch Kinder oder sehr junge Jugendliche. Während unserer Juzet-Zeit, zugleich auch der Zeit der sogenannten 2.Generation der RAF, wurden wir dann aber über viele Jahre mit den Morden, mit Anschlägen und Banküberfällen, mit der allgegenwärtigen Berichterstattung und mit den RAF- Fahndungsplakaten konfrontiert, auf denen im Lauf der Zeit die Anzahl der durchgekreuzten Gesichter anstieg.

Eigentlich ist „die bleierne Zeit“ ein Zitat aus dem Hölderlin-Gedicht Der Gang aufs Land: „Trüb ists heut, es schlummern die Gäng und die Gassen und fast will mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.“

Zum geflügelten Wort wurde "Die bleierne Zeit" durch den gleichnamigen Film von Margarethe von Trotta aus dem Jahre 1981, der sich an die Biografien der Schwestern Christiane und Gudrun Ensslin anlehnt. Das war dann der Grund der Umdeutung des Begriffs für die Zeit des RAF-Terrorismus generell.

RAF, Baader, Meinhof, Ensslin, Raspe, Klar, Mohnhaupt, Stammheim, Ponto, Buback, Schleyer, Haig, Landshut, GSG9, 2.Generation, Hungerstreiks, Isolationshaft, der deutsche Herbst  – das sind „Schlüsselbegriffe“ und prägende Bilder eines Zeitgeistes, der auch die Juzet-Zeit umwehte, genauso wie Radikalenerlass, Berufsverbot und Gewissensprüfung – es waren alles Begriffe, ohne die kaum eine politische Diskussion auskam.

Und es waren natürlich auch Schlüsselbegriffe, die eine ganze Gesellschaft nachhaltig beeinflussten: die Eltern, die Verwandten, die Schule, die Parteien, die Freunde. Wenig erstaunlich, dass in diesem schwierigen Umfeld Diskussionen schnell emotional ausarteten, und in jeder Richtung radikale Tendenzen und extreme Positionen sprießen konnten, was es den „Langhaarigen“, „Hippies“, "Linken" und „Alternativen“ im öffentlichen Leben nicht gerade leichter machte. Viel zu schnell war man ein Sympathisant.

Typischer letzter Satz vieler emotionsgeladener Diskussionen war nur zu oft „Wenn es dir hier nicht passt, dann geh doch nach drüben…“


Chronologie der zeitlichen Überlappung der „Bleiernen Zeit“ mit der Juzet-Zeit
  • 1974
  • 1975
    • Lorenz-Entführung
    • RAF stürmt Deutsche Botschaft in Stockholm, Ermordung von Diplomaten
    • Stammheim-Prozesse beginnen (Baader, Meinhof, Ensslin, Raspe)
  • 1976
    • Selbstmord Ulrike Meinhof in Stammheim
  • 1977
    • Verurteilung "Lebenslang" für Baader, Ensslin, Raspe
    • 2.Generation der RAF
    • Morde an Buback und Ponto
    • 44 Tage deutscher Herbst
      • Schleyer-Entführung
      • Entführung der Landshut, Ermordung Kapitän Schumann, GSG9 stürmt die Landshut und befreit Geiseln
      • Stammheim-Selbstmorde (Baader, Ensslin, Raspe)
      • Ermordung Schleyer
  • 1979
    • Banküberfälle
    • Autobombenanschlag auf Nato-Generalsekretär Haig
  • 1981
    • Autobombenattentate in Ramstein und Heidelberg
    • Verhaftung Klar und Mohnhaupt
    • 3.Generation der RAF

>>> RAF Zeitleiste (Bundeszentrale für Politische Bildung)
>>> Deutsches Historisches Museum: RAF - Terroristische Gewalt (Ausstellung)
>>> Deutsches Historisches Muesum: Pressebilder zu der RAF-Ausstellung (pdf)
>>> 1977 Jahresschau der Bundeszentrale für Politische Bildung (Video)
>>> Film „Die bleierne Zeit“

Mittwoch, 25. März 2015

Die WIR und die oberfränkische Jugendzentrumsbewegung
(Gastbeitrag Andrea)


Ein Gastbeitrag von Andrea beleuchtet die WIR und ihre große Bedeutung für die Jugendzentrumsbewegung in Oberfranken. 

Vielen Dank, liebe Andrea!



Auch wenn Andreas hier in seinem Beitrag die WIR etwas respektlos ;-) als Heftchen bezeichnet hat, für uns engagierte oberfränkische Jugendliche in den 70ern war es weitaus mehr:

Die WIR war unser Netzwerk, unser Sprachrohr.

Hier konnten wir unsere Meinung kundtun. Mal kritisch, mal eher banal, aber wir konnten uns den Frust über die Engstirnigkeit unserer Umgebung, über absurde politische Entscheidungen und über unsere Zukunftsängste von der Seele schreiben. Und wir wussten, wir haben die Verantwortung für das, was wir schreiben.
WIR Titelblatt 4/1977

Die Geschichte der WIR ist eng verbunden mit der Geschichte der oberfränkischen Jugendzentrumsbewegung in den 70ern. Mitte der siebziger Jahre schwappte die Idee der selbstverwalteten Jugendzentren aus den Großstädten auch zu uns in die oberfränkische Provinz. In vielen Städten gründeten sich Initiativen, die für ihren Ort ein offenes Jugendzentrum forderten. Zu Beginn waren dieses Gruppierungen mehr oder weniger Einzelkämpfer.

Artur Ziegenhagen von der EIBA in Bayreuth versuchte, diese einzelnen Gruppierungen, die damals noch kaum Kontakt miteinander hatten (Facebook gab es noch nicht !!) über Treffen und Seminare zusammen zu bringen. Es gab viele Wochenendseminare zu den verschiedensten Themen: Organisation und Vernetzung der Initiativen, Vereins- und Gruppenstrukturen, Verfassen von Statuten, Benennen von Zielen und ihre Verwirklichung, Medienseminare usw.

WIR-Redaktion (WIR 01/1975)
So gelang es, immer mehr dieser Jugendzentrumsinitiativen zu vernetzen und so unseren Forderungen nach selbstverwalteten Jugendzentren immer stärker Nachdruck zu verleihen. Da meist die gleichen Leute auf diesen Seminaren waren, ergab es sich logischerweise, dass sich viele von ihnen für die Mitarbeit in einer oberfrankenweiten Jugendzeitschrift – der WIR –  engagierten.

Die Themen, die für die Seminarteilnehmer wichtig waren,
tauchten dann natürlich in der Zeitschrift wieder auf und umgekehrt. Im Laufe der Zeit bildeten die Macher/Innen der WIR eine komplexere Gruppe. Wir waren aber immer eng verbunden mit den Jugendzentrumsinitiativen vor Ort (unseren Wurzeln) und damit auch direkt mit dem Aufbegehren kritischer oberfränkischer Jugendlicher gegen unhaltbare Zustände in Politik und Gesellschaft. So entstanden dann Ausgaben zu speziellen Themen wie: Atomkraft, Arbeitslosigkeit, Freies Franken usw.

WIR-Redaktion (WIR 01/976)
Das Bayreuther JUZ war unsere Redaktionszentrale. Für ein langes Wochenende trafen sich die Mitglieder der Ortsredaktionen in Teestube und Büro und brachten ihre Berichte mit. Es wurde getippt, Anzeigen gestaltet und das Layout erstellt. Alles in Handarbeit !!! Schreibmaschine (mechanisch, uralt) Fixo-Gum-Kleber, Schere, Stifte und Geodreieck waren unser wichtigstes Werkzeug. So arbeiteten wir praktisch Tag und Nacht bis die Ausgabe in Druck gehen konnte. Die Finanzierung musste erst über Werbeanzeigen gesichert sein, und so bestand die Akquise aus Klinkenputzen und Betteln um eine Annonce.

Zwischen den Ausgaben der WIR trafen wir uns bei den einzelnen Ortsredaktionen, auf Wochenendseminaren und in abgelegenen primitiven Frankenwaldhütten und diskutierten uns die Köpfe heiß über Themen die uns unter den Nägeln brannten, oder grundsätzliche Strukturen der Zeitschrift. Und das alles neben unserer Berufsausbildung, Schule oder Studium.

Es war eine verrückte, anstrengende, großartige und prägende Zeit.
VIELEN DANK DAFÜR AN ALLE, DIE MIT DABEI WAREN.

Andrea

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